Kleider machen Architekten

Artikel aus  db, 11/2000
von Christian Marquart

Warum Architekten schwarz tragen

Architekten treffen mit ihrer Kleidung immer ins Schwarze, seltener ins Graue bis Sienkelgraue. Das lang gehütete Geheimnis, warum Architekten partout immer so aussehen wollen wie Turmdohlen, lüftet der Autor auf eher humoristische Weise.

"Ein Designer muss vor allem schön sein": Dieses Diktum, das in den siebziger Jahren von einem damals prominenten und nebenbei recht flott aussehenden Industriedesigner per Zeitschrifteninterview in die Öffentlichkeit gesetzt wurde, gilt auch für Architekten. Gestalterische Kompetenz nimmt man ihnen eigentlich nur ab, wenn sie sich erkennbar Karl Kraus' berühmten Aphorismus zu Herzen genommen haben, der da lautet: "Ab einem bestimmten Alter ist jeder für sein Gesicht selbst verantwortlich."
Weil sich die Moden der Architektur in den letzten dreißig Jahren bedenklich beschleunigt haben und sogenannte Revivals - seien sie nun ironisch gebrochen oder selbstreferentiell aufgebrezelt - vom Publikum immer schneller als bloße Déjà-vu-Ereignisse entlarvt werden, hat sich auch das Problem mit dem Eigendesign der Architektenphysiognomie verschärft. Lohnt es noch, sich ein Hightech-Gesicht zuzulegen? Genügt ein etwas entleerter Gesichtsausdruck, um sich als Anhänger der Neuen Einfachheit darzustellen? Und wie bringt man es zu einer klassisch-modernen Mimik, ohne gleich eine Nasenkorrektur vorzunehmen? Was passiert mit einem dekonstruktivistischen Gesicht unter dem Aspekt der irgendwann fälligen Revision? Von "Rückbau" wollen wir hier lieber gar nicht erst reden.
Gewitzte Architekten sind dem Dilemma mit dem Gesichtsmarketing längst ausgewichen: Sie betreiben leicht wiedererkennbares Klamottenmarketing und akzentuieren das schematisierte Grundkonzept durch den Einsatz mehr oder minder einprägsamer Aperçus. Das kann eine noble Zigarre sein (Peter Zumthor), ein individualistisches Automobil (Saab und Citroën sind recht beliebt, aber nicht zwingend), ein hochgestellter Hemdkragen (Axel Schultes), weiße Schals (Jean Nouvel) oder grüne (the late James Stirling), aber auch kreative Haartracht (Pferdeschwänzchen bzw. rasierter Schädel, auffällig populär in Berlin). Die Architektenfliege hingegen scheint ausgedient zu haben; man findet sie nur noch bei den älteren Semestern auf den Jahresempfängen der Architektenkammern, und dort fast nur unter dem Kinn von Baumeistern im öffentlichen Dienst.
Was aber hat es mit dem schematisierten Grundkonzept auf sich? Fast überflüssig, es zu beschreiben - die angesagte Architektengarderobe ist natürlich schwarz, eventuell sehr dunkelgrau, also Grau in Grau, Schwarz in Grau oder Schwarz in Schwarz, aber auf keinen Fall mausgrau. Schwieriger ist es schon, das Paradigmatische dieser Kleiderordnung aufzudecken, denn es gibt einerseits formale Bezüge zum existentialistischen Outfit der fünfziger und sechziger Jahre (Sartre und die Enkel), andererseits zu den eng verwandten Kleidermoden von Dirigenten (Herbert von Karajan war nur der erste), Theaterregisseuren (Peter Zadek, Peter Stein ...) und Dramaturgen (alle vor und nach Botho Strauß). In diesen letzteren Milieus hat sich übrigens der schwarze Rolli gut gehalten.
Architekten bevorzugen dagegen - auch wenn sie sich gerne als "Regisseure des Baugeschehens" beziehungsweise als "Dirigenten des Bauorchesters" sehen - eine Kombination aus schwarzen Seidenhemden und schlabbrigen Anzügen beziehungsweise Sakkos.
Die minimalistische Ästhetik der Architektengarderobe hat natürlich ihre Pa-rallele im reduktionistischen Programm der Moderne. Weniger ist mehr - weniger Farbe, weniger Form, weniger Ornament (siehe Seite 92), weniger Leicht-Sinn, weniger Körperfülle. Denn Schwarz macht schließlich schlank; mancher Embonpoint (vulgo: Wampe, Speckgürtel) lässt sich so kaschieren.
Aber steckt nicht noch viel mehr hinter all diesem Schwarz? Warum wollen Architekten partout aussehen wie Turmdohlen? Weil sie gerne Hochhäuser bauen und diese Bekleidungsmetapher für anspielungsreich halten? Als das Dampfermotiv in der Architektur populär war, sind die Architekten schließlich auch nicht wie Donald Sieck im Matrosenanzug herumgelaufen.
Schlüssig wird das ganze eigentlich nur unter der Hypothese, dass unter Architekten das schwarze Outfit als Ausdruck heller Lebensfreude gilt. Lebensfreude gleich Erfolg, gleich Kompetenz. Strom ist gelb. Ein guter Architekt trägt Schwarz. Und wenn er nicht gut ist, trägt er Trauer. Das ist das ganze Geheimnis.
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