Vernarrt in das Nützliche

Bauen im Treibhaus: In Holland ist die Architektur so populär und lebendig wie nirgendwo sonst in Europa. Woran liegt's?

Artikel aus  DIE ZEIT, 08/2001
Von Hanno Rauterberg

Manchmal reicht schon ein Blick in's Kühlregal des nächstbesten Supermarkts. Da liegt Bratwurst mit Kartoffelbrei gleich neben vorgekochten Spaghetti mit Tomatensauce, ein paar Reihen weiter gibt es frische vorgeschnippelte Bohnen, geschälte Kartoffeln, zu Bällchen geformte Karotten. Der ganze Laden ist voll gestopft mit plastikverschweißten Fertigwaren. Erst wundert sich der Reisende ein wenig über diese merkwürdige Freude an vorfabrizierter Frische. Dann aber beginnt er zu ahnen, dass diese Künstlichkeit in Holland ganz natürlich ist. Genau wie die menschengemachte Landschaft, die schmalgestreifte Weite aus Wiesen und Gräben, unterbrochen nur von Tomaten- und Paprikafabriken. Streng vermessen und zerkastelt ist dieses Land, es herrscht eine mondriansche Ordnung.

Doch obwohl vieles festgezurrt und verplant wirkt, bewegt sich dieses Land wie kaum ein anderes in Europa, ja, es fördert sogar das Ungestüme und Nichtgeplante. Besonders deutlich lässt sich diese Gegensätzlichkeit dort erleben, wo Städte und Wohnungen entworfen und gestaltet werden, wo man in der Manier sozialistischer Fünfjahrespläne das Leben vorausbestimmen möchte - und die Architekten dennoch so kühn und unbeschwert bauen, dass alle Welt neidvoll nach Holland blickt. Viel wird über holländische Architektur geschrieben, vor allem die Theoriegewitter von Rem Koolhaas lösen immer neue Debatten aus, und seit zwei, drei Jahren machen auch die Jüngeren von sich reden. Winy Maas vom Büro MVRDV avancierte mit seinem Dünen-Wald-und-Blumen-Stapel für die Expo in Hannover gar zum Popstar der Architektenszene.

Besonders schön sind die Gebäude der Holländer allerdings selten. Weder glänzen sie verlockend wie Frank Gehrys Bauskulpturen, noch beeindrucken sie durch einen technischen Perfektionismus, wie ihn etwa Norman Foster pflegt. Eher ist diese Architektur pragmatisch, manchmal auch ruppig, denn sie will nicht Kunst sein, sondern Konzept. Auf engstem Raum und zu kleinsten Preisen suchen die Architekten nach dem Ungewohnten, sie behübschen das Nützliche nicht, sondern ringen ihm einen Zusatznutzen ab. In Utrecht etwa hatten die Architekten NL Architects und Djin Sie den Auftrag, ein kleines Fernheizkraftwerk zu ummanteln - und verwandelten die Industriekiste ganz nebenbei in ein Spielgerät. Sie überzogen das Gebäude mit einem Gummimantel und ließen Noppen anbringen, an denen man sich nun wie an einer Steilwand emporhangeln kann.

Ähnlich entlocken viele Architekten dem Vertrauten etwas Unvertrautes, und vor allem die Jüngeren begeistern sich für Neuformulierungen des Normalen. Dass sie diese nicht nur entwerfen, sondern auch bauen dürfen, verdankt sich der Vorliebe vieler Holländer für das Fremde und Freche. Während in Deutschland ein Architekt erst graumeliert und um die 40 Jahre alt sein muss, bevor man ihm größere Bauten zutraut, bekommen in Holland oft schon die 25-Jährigen wichtige Aufträge. Experimentierlust zählt mehr als Erfahrung.

Natürlich profitieren die Architekten auch von dem ungeheuren Wirtschaftswachstum des vergangenen Jahrzehnts, sodass selbst unbekannte Büros stöhnen, sie könnten sich vor Arbeit kaum retten. Doch auch die Politik hat Ansehen und Laune steigen lassen, sie hat Holland in ein Treibhaus für Baubegeisterte verwandelt. Noch Anfang der neunziger Jahre war von dieser Lust an Ästhetik und Auseinandersetzung kaum etwas zu spüren. Die Lage in Den Haag war so, wie sie in Berlin noch heute ist: Der Bauminister verfügt zwar über einen Milliardenetat, doch wird das Geld ausgegeben, ohne dass von Architektur groß die Rede wäre. Vor einigen Monaten erst bemerkte der Bundesbauminister, der damals noch Klimmt hieß, dass nicht nur Holland, sondern auch Finnland, Schottland und Belgien unter Baupolitik längst mehr verstehen als Zuschussbestimmungen oder Dämmwerteverordnungen. Prompt gründete er eine Initiative für Architektur und Baukultur, die recht behäbig begann und mittlerweile völlig erstarrt ist. Kaum jemand weiß, ob es sie überhaupt noch gibt, und Kurt Bodewig, den nunmehr vierten Bauminister in drei Jahren, scheint das auch nicht weiter zu stören.

In Holland gilt Architekturpolitik hingegen längst nicht mehr als Schöngeisterei. Sie wird von der Regierung ähnlich ernst genommen wie Gesundheits- oder Schulpolitik. Umgerechnet 31 Millionen Mark, 7 Millionen mehr als noch im letzten Jahr, will man 2001 für Architekturförderung ausgeben. Das ist zwar keine besonders hohe Summe, wenn man bedenkt, dass schon der Neubau eines Museums leicht das Doppelte kostet. Und doch bewirkt dieses Geld erstaunlich viel, weil es geschickt eingesetzt wird. Gleich mehrere Millionen fließen in zwei Fonds, die vor allem bei Architekten beliebt sind. Wer immer eine Ausstellung plant, ein Buch veröffentlichen will, wer Geld für eine Forschungsreise braucht oder sich selbstständig machen möchte, der kann sich an diese Fonds wenden. So reichlich fließen die Fördergelder, dass manches Büro, noch ehe das erste Gebäude steht, schon einen Prachtband herausgegeben und sich in einer Ausstellung präsentiert hat. Völlig konzeptlos gibt der Stimulierungsfonds sein Geld aber keineswegs aus. In den kommenden vier Jahren etwa will man gezielt Projekte fördern, die sich mit den Problemsiedlungen aus den Sechzigern und Siebzigern beschäftigen und mögliche Verbesserungen vorschlagen.

Doch nicht nur den Architekten wird in Holland der Weg ins Öffentliche geebnet, auch umgekehrt will man der Öffentlichkeit den Einstieg in die Bauwelt erleichtern. Dafür wurde 1993 das Niederländische Architektur Institut (NAI) in Rotterdam gegründet, weltweit das größte seiner Art. Geleitet wird es von Kristin Feireiss, einer Berlinerin, die sich mit ihrem Haus einmischen will und Talente fördert, statt nur das Etablierte und Bekannte zu zeigen. Seit 1996 hat sich die Zahl der Besucher des NAI fast verdoppelt, 110 000 kamen im vorigen Jahr, darunter viele Kinder. Speziell für diese wird nun ein Anbau errichtet, denn gerade die Schüler möchte man für das Planen und Bauen begeistern.

Und noch eine weitere wichtige Einrichtung entstand: das Architectuur-Lokaal in Amsterdam. Diese Informationsbörse, die mit umgerechnet einer Million Mark vom Staat gefördert wird und eine weitere Million selbst erwirtschaftet, will vor allem die Bauherren erreichen. Doch werden keine Architektenbüros empfohlen oder Vorschriften für das gute, richtige Bauen verteilt. Stattdessen ermutigt das Lokaal die Bauherren zu eigenen Vorstellungen: Warum wollt ihr bauen? Was wollt ihr bauen? Woran findet ihr Gefallen? Das sind die Fragen, die Häuslebauern, Großinvestoren oder Gemeindeverwaltungen gestellt werden - und für die man im Lokaal nach Antworten suchen kann.

Zudem hilft Cilly Janssen, die Leiterin der Info-Börse, auch den vielen kleinen Architekturzentren, die über die ganzen Niederlande verstreut sind, mit Beratung und Koordination. 1993 waren es erst vier, heute gibt es bereits 40 dieser Vereine. Wollte man in Deutschland ähnlich flächendeckend über Architektur informieren und debattieren, müsste man rund 200 Zentren gründen, da ja hierzulande fünfmal mehr Menschen leben als in den Niederlanden. Die meisten der holländischen Diskussionsforen wurden nicht vom Staat eingerichtet, sie entstanden, weil Bürger sich zusammentaten. Auch Casla, das Architekturzentrum in Almere, verdankte sich der Initiative einiger weniger. Schnell aber unterstützten die Kommune, ein Wohnungsbauverein und auch die Tourismuszentrale das Projekt, weil sie darin eine Möglichkeit sahen, die Bindung der Bewohner an ihren Ort zu stärken.

Almere ist eine Kunststadt, die wächst, wo vor einem Vierteljahrhundert noch die Wellen schlugen. 150 000 Menschen wohnen dort heute, 300 000 sollen es werden. Weil alles rasend schnell vorangetrieben werde, verstehe sich das Architekturzentrum als eine Art Bremser, erklärt JaapJan Berg, der das Casla vollberuflich zusammen mit zwei weiteren Kollegen betreibt. Sie wollen dazu einladen, zumindest kurz innezuhalten, um darüber nachzudenken, was wirklich werden soll. In Almere gibt es keine gewachsene Diskussionskultur, und die wenigsten Leute trauen sich in Fragen der Architektur eine eigene Meinung zu. Um das zu ändern, veranstaltet das Casla Rundgänge oder Ausstellungen wie die, auf der kürzlich fünf Modelle für ein neues Theater gezeigt wurden. Die Leute durften abstimmen, welcher Entwurf ihnen am besten gefiel, eindeutiger Favorit war das Modell von Daniel Libeskind. Als dann die offizielle Jury die Japanerin Sejima kürte, nahmen das einige Leute krumm, doch immerhin war ein allgemeines Interesse an dem öffentlichen Bauprojekt geweckt.

Demnächst soll das Casla sogar ein eigenes Haus bekommen, mitten im neuen Zentrum Almeres. Umgerechnet vier Millionen Mark will sich die Gemeinde dieses Gehäuse einer institutionalisierten Selbstkritik kosten lassen. Ob allerdings dadurch die Architektur wirklich besser, ob Almere ansehnlicher werden wird?

Bislang zumindest überzieht ein schier endloser Siedlungsteppich die einstigen Polder, überall stehen die Häuser in Reihe, so als herrschte ein manischer Zwang zur Wiederholung. Nach städtischem Leben, nach urbaner Dichte, sucht man vergebens. Auch die ungewöhnliche Gestaltung mancher Reihenhäuser, die mal kurios gestaffelt, mal kunterbunt angemalt sind, ändert daran nichts. Wer durch Almere fährt, dem begegnet die Normalität eines industrialisierten Städtebaus - und das Architekturwunder Holland beginnt zu verblassen.

Zwar ist es der Regierung in Den Haag gelungen, dass die Architektur zu einem Massenmedium aufgestiegen ist, dass mehr über sie geschrieben und gesprochen wird denn je. Der Alltag allerdings ist dennoch meist eng und monoton. Die meisten Häuser werden in Tunnelbauweise errichtet, einer Art Fließbandtechnik, die auf Masse und Tempo ausgelegt ist. Den Architekten bleibt da oft nur die Variation des Unvermeidlichen, zumal sie anders als in Deutschland nicht für die Ausführung verantwortlich sind. Alles, was auf der Baustelle geschieht, liegt ganz in der Hand der Investoren - und so ist nicht selten am Ende die Tür nicht die Tür, die der Architekt gern gehabt hätte. Viele seiner Kollegen würden den Unterschied zwischen Zeder und Pinie aber auch schon gar nicht mehr kennen, erzählt der junge Architekt Adriaan Geuze. Die ganze Klinkertradition sei vergessen, vieles würde einfach nur hingeschludert und sei nur selten haltbarer als 25 Jahre.

Ungebrochen ist der Glaube an die Machbarkeit der Welt

Bei Großprojekten ist man zwar durchaus bereit, sich den ästhetischen Mehrwert auch etwas kosten zu lassen. So durfte etwa Ben van Berkel in Rotterdam eine furiose Brücke bauen, die zehn Prozent teurer, aber auch fünfzig Prozent schöner war als die billigere Variante. Im Architekturalltag zählen hingegen nur die Kosten: Das Bauen in Holland ist extrem billig, ein Haus kostet nur halb so viel wie in Deutschland. Und weil die Nachfrage nach günstigen Wohnungen weiterhin sehr groß ist, lassen sich auch fahrig hingezimmerte Häuschen gut verkaufen. Der Markt bestimmt die Architektur, dagegen kann die Regierung kaum etwas ausrichten. Sie will es auch gar nicht. Seit einigen Jahren schon hat sie ihre Bauherrenrolle fast ganz aufgegeben und den sozialen Wohnungsbau weitgehend privatisiert. Einzig durch die Architekturpolitik versucht der Staat, sich noch ein wenig Einfluss zu bewahren.

Nicht alle aber arrangieren sich bereitwillig mit dieser Kompensationsstrategie. Jo Coenen etwa, der vor einigen Wochen zum offiziellen Reichsbaumeister der Niederlande berufen wurde, mag sich mit einer Architektur vom Fließband nicht abfinden. Doch kann er sie verhindern? Zumindest bei den Gebäuden, die der Staat selber errichtet, besitzt Coenen ein Mitspracherecht. Und auch bei nichtarchitektonischen Fragen, wenn es um Autobahnbau oder Landwirtschaft geht, kann er verlangen, gehört zu werden. Ein Veto besitzt er gleichwohl nicht. Eher gleicht der Reichsbaumeister einem Bundespräsidenten, er kann spitzzüngige Interviews geben oder böse Briefe schreiben. Coenen will aber nicht nur appellieren, er will auch entwerfen. Anders als seine Vorgänger möchte er selber wieder Staatsgebäude planen, und in Den Haag wird er ein Büro einrichten, in das er so viele Menschen wie möglich einladen will, um mitzureden. Die Tür soll weit geöffnet sein.

Diese einladende Geste ist typisch für Holland, überall lebt diese Gesellschaft vom Austausch der Meinungen und vom Ausgleich der Interessen. Poldermodell nennen sie dieses Prinzip, bei allen wichtigen Entscheidungen den Konsens zu suchen. Auch die Architekturpolitik dient dem Streben nach einer befriedeten Gemeinschaft - und vielleicht hat sie auch deshalb so großen Erfolg. Das Bauen war in Holland nie nur die Sache weniger, und folglich gibt es bis heute, anders als bei den deutschen Nachbarn, keine mitgliedsstarken Architektenverbände. Architekt, das kann eigentlich jeder sein: Es besteht keine Kammerpflicht, und oft wurden in der holländischen Baugeschichte die schönsten Gebäude von Laien entworfen. Nicht Künstler, nicht Heilsbringer ist der Architekt in Holland, sondern eher ein Ingenieur der Wünsche. Und jede Abweichung vom calvinistischen Prinzip des Nützlichen, jedes Ausscheren aus dem Konsens des Vermittelbaren, bedarf der Rechtfertigung.

So mächtig ist das Poldermodell mittlerweile, dass aus diesem auch eine andere, eine sorgfältiger geplante und haltbarer gebaute Architektur erwachsen könnte - sollte man zumindest meinen. Zumal außer dem Reichbaumeister auch einige Ministerien und viele Architekten offen fordern, endlich umweltschonender und individueller zu bauen. Doch allzu sehr bestimmt das Billige, Schnelle und Vorfabrizierte die holländische Gesellschaft, das "Prinzip Kühlregal" scheint stärker zu sein als das Prinzip Polder.

Niemand baut hier für die Ewigkeit, nicht weil die Ökologie keine Thema wäre, sondern weil das Sehnen nach Ursprünglichkeit, nach einer natürlichen Natur, keine Tradition hat. Tief ist der Glaube daran, dass sich alles verändern muss, dass die Welt für den Fortschritt geschaffen wurde. Und so bauen viele Architekten - bei allem Pragmatismus - doch an einer anderen, besseren Welt. Auch wenn diese Welt dann nur 25 Jahre halten sollte.

Um diese Lust am Neuland und um den innigen Glauben an das Machbare werden die Holländer von etlichen Deutschen beneidet. Nur kann man weder Zuversicht importieren noch Selbstironie lernen. Von der niederländischen Baupolitik jedoch ließe sich durchaus einiges abschauen. Zum Beispiel würde ein Architekturinstitut nach Rotterdamer Vorbild auch hierzulande dazu beitragen, die Streitlust zu stärken und das Ansehen der Architektur zu heben. Natürlich ist es für Den Haag einfacher, ein solches nationales Zentrum zu gründen, denn man muss sich dort nicht mit 16 Ministerpräsidenten arrangieren. Doch warum gründen die Bundesländer nicht selber Informationsbörsen für Bauherren oder fördern kleine Architekturzentren? Nordrhein-Westfalen etwa beweist mit einer eigenen Architekturinitiative neuerdings, dass der Bund nicht unbedingt die wichtigste Triebkraft zu sein braucht.

Von Berlin allerdings muss das Signal kommen, dass künftig die Baupolitik mehr sein soll als nur verkappte Wirtschaftsförderung. Architektur ist vor allem eine Frage der Kultur - und deshalb läge es nahe, sie auch der Obhut des Kulturstaatsministers anzuvertrauen. So wie die Landwirtschaft den Lobbyinteressen entzogen wurde, sollte auch Baupolitik nicht für Baufirmen gemacht werden, sondern für alle. Für Architekturverbraucher sozusagen; und vielleicht ja sogar für Architekturgenießer.


Literaturtipps:

Lootsma, Bart: SuperSietch - Neue niederländische Architektur; DVA, 264 S.; 98,00 DM
Ibelings, Hans (Hrsg): Die gebaute Landschaft - Landschaftsarchitektur und Städtebau in den Niederlanden; Prestel, 304 S.; 86,00 DM
www.candarch.de