Selbstständig.

Interview aus Baumeister, 1/2001

Volkwin Marg im Gespräch mit jungen Architekten


Das Ziel vieler junger Architekten ist es, früher oder später ein eigenes Büro zu führen. Hakki Akyol, Giorgio Gullotta und Philipp Kamps waren seit Jahren Mitarbeiter bei Gerkan, Marg und Partner und sind seit Sommer diesen Jahres selbstständig. Mit Volkwin Marg sprachen sie über Chancen und Risiken ihres neuen beruflichen Lebensabschnitts. Für den Baumeister nahm Amelie Kausch an dem Generationendialog teil.


Herr Marg, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn junge Mitarbeiter kündigen, um sich selbstständig zu machen?

Volkwin Marg: Die erste Reaktion in diesem Fall war: Riesenscheiße! Damit hatte ich einfach nicht gerechnet. Aber dann sagt man sich: Natürlich. Musst Du ja auch verstehen. Inzwischen gibt es viele Leute, mit denen wir ein Stück Lebensweg geteilt haben und die jetzt autark sind und mit uns heftigst konkurrieren. Aber das Verhältnis zueinander ist eigentlich immer freundschaftlich geblieben. Und der Grund ist natürlich ganz einfach: Uns hat das noch nie umgebracht.

Mit was für einem Gefühl denken Sie an die erste Zeit Ihrer Selbstständigkeit zurück?

Marg: Ich habe nie vergessen, dass Meinhard und ich irrsinnigen Siesel hatten. Wir haben ja, während des Studiums und nach dem Diplom, erst für andere Architekten Wettbewerbe gemacht. Aber nachdem es ein paar Mal gefunkt hatte - in einem Jahr sieben Mal -, wurden daraus Arbeitsgemeinschaften und dann die Selbstständigkeit. Als ich Examen machte, da kam gerade „Yeah yeah yeah“ und Flower Power und natürlich auch diese ideologische Phase, nicht? Normalerweise macht man ja immer seine Lehr- und Wanderjahre. Das war bei uns ein Ausnahmefall.

Wie kommt ein junges Büro, das noch keine Referenzobjekte vorzuweisen hat, an Aufträge?

Marg: Als wir Ende der sechziger Jahre nach Hamburg kamen, dachten wir, jetzt kommen wir in eine etablierte Welt, lauter alte Säcke. Die sitzen alle auf dem Golfplatz, im Rotaryclub, bei den Lions. Und wer die großen Aufträge bekommt, wird im Vierjahreszeiten beim Frühstück besprochen. Da kriegen wir keinen Fuß auf die Erde. Wir sind aber nie Mitglied in einem Club gewesen und haben nie durch Vitamin B Aufträge bekommen.

Sind Wettbewerbe der Weg?

Marg: Also, Wettbewerbe sind ja so eine deutsche Spezialität. Und die gilt weltweit als mustergültig. Sie sind aber auch problematisch. Es nehmen häufig so viele Architekten teil, dass man nur eine Chance von 1:20, 1:100 hat, manchmal 1:300. Und dann soll man auch noch zeigen, was man alles gebaut hat, was man als junger Architekt nicht kann.

Kamps: Wir versuchen deshalb mehr, über die Kontaktschiene zu akquirieren, laden Leute ins Büro ein.

Marg: Heute interessiert ja die wenigsten Bauherren die Begabung und das Können, sondern zunächst einmal die Sicherheit. Denn ein Bauherr riskiert Geld. Er braucht etwas, das funktioniert. Bei unserem allerersten Auftrag kam der Bauherr an und wollte sehen, wie groß unser Büro ist. Das war ein Zwergbüro. Der wollte sehen, was wir gebaut hatten, und wir hatten nur ein Einfamilienhaus in Bau. Immerhin ging es um den Flughafen von Berlin. Dann haben wir alle Freunde eingeladen. Die saßen mit weißen Kitteln da und schoben Reißschienen hin und her. Da hat es der Bauherr erstmal mit uns probiert. Als er merkte, wir waren doch viel professioneller als er erwartet hatte, hat er uns schrittweise immer mehr Aufträge gegeben. Wir hatten Glück.

Akyol: Wenn man einen Kredit aufnehmen möchte, muss man der Bank erläutern, wie die eigenen Marktchancen stehen.

Marg: Die eigenen Chancen kann man sehr schlecht einschätzen. Man kann nur ins kalte Wasser springen und es probieren. Und das ist ein existenzielles Risiko.

Kamps: Wenn potenzielle Bauherren hören, dass wir von gmp kommen, profitieren wir noch von dem Rückenwind unseres ehemaligen Büros. Das ist ein großer Bonus.

Braucht man Partner, oder geht es auch allein?

Marg: Ich glaube, dass man es allein sehr viel schwerer hat. Wir waren von vornherein ein Team, und zwar eines, das sich auf Anhieb ergänzte. Wir sind sehr verschieden, charakterlich und von der Veranlagung. Man bewegt sich als selbstständiger Architekt in einem Dschungel. Die Fragen des juristischen Dickichts zum Beispiel, die Fragen des Augenmaßes. Was ist realistisch? Auch das Gegenüber zu verstehen: Was will zum Beispiel der Bauherr überhaupt von einem? Testet er nur mal und spielt mit einem oder meint er es ernst? Damit ergeht es einem natürlich im Team viel besser. Und Euer Dreierbund ist natürlich prima sortiert.

Wie meinen Sie das?

Marg: Es gibt immer diese Mischung aus rationaler Bremse und emotionalem überschwang, zwischen methodischem und impulsivem Vorgehen, zwischen einer Fantasie, die man bändigen, und einer Disziplin, die man befreien muss. Ich kann mir also vorstellen, dass sich hier die Begabungen - vom Wettbewerb bis zur Realisierung, auch eine spontane Arglosigkeit, etwas fast naiv anzufangen, und dann eine gesunde Skepsis -, prima ergänzen.

Wie lange soll man ausharren, wenn Aufträge auf sich warten lassen?

Marg: Ich glaube, die kritische Situation besteht darin, dass man selber seine Sparsamkeit bestimmen kann, seinen Standard. Ob es einem genügt, mit einem Telefon auf der Bettkante zu sitzen, vielleicht noch mit einem Computer. Als wir uns selbstständig machten, waren wir wirklich nur zwei Leute. Und die damalige Frau von Meinhard „spielte“ - muss ich sagen - Sekretärin, wenn es nötig war. Die kam dann aus einem Verschlag von nebenan. Aber wir hatten auch fast keine Unkosten. In dem Moment, wo man sich Verpflichtungen aufbaut, durch ein Büro, durch Mitarbeiter, wird man unfrei. Das, was Architekten in dieser Phase machen, ist die absolute Selbstausbeutung. Aber das geht mit anderen nicht so ohne weiteres. Da ist es auch zu dritt wieder leichter, wenn drei Leute sich in der Startphase selbstausbeuten. Es geht ja auch nicht so glatt, dass man sagen kann, in einem Vierteljahr, in sechs Monaten ist man durch. Ist man nicht! Dann muss man im Start weiterkämpfen, und es gibt auch wieder Rückschläge. Anders geht’s nicht.

Wie geht man mit Rückschlägen um?

Marg: Mein Gott, wie häufig verliert man einen Wettbewerb, obwohl man das bessere Projekt hat! Nicht nur, weil man es subjektiv meint, sondern auch, weil es objektiv stimmt. Da ist es eine Frage des Selbstbewusstseins, keinen Verfolgungswahn zu entwickeln: Man selbst hat immer Pech, der andere hat immer Glück. Man muss es auch mal zugeben, wenn es nicht so doll war, und darf trotzdem keinen Minderwertigkeitskomplex bekommen. Auch nach mehreren Durchhängern. Also, diesen penetranten Optimismus zu behalten und sich nicht entmutigen zu lassen, ist wichtig.

Akyol: Aber die großen Architekten waren immer allein.

Marg: Das stimmt nicht ganz. Die meisten waren immer in Partnerschaften. Dass die Presse das hinterher immer auf eine Person verkürzt, das hat was mit unserem Medienzeitalter zu tun. Wenn ich mir
Richard Meier nehme, da waren die New York Five, die machten gemeinsam Furore. Später hatten sie dann so viel zu tun, dass sie sich selbstständig machten.

Es arbeiten sehr viele junge Architekten bei Ihnen.

Marg: Es gibt einfach verschiedene Kategorien von Architekten. Das ist auch bei uns im Büro so. Es gibt die einen, die das Büro mehr oder minder als ein Trittbrett betrachten zur Selbstständigkeit. Und die hat zwei Wege. Der eine ist im praktischen Bereich als Architekt, der zweite im beamteten Bereich, zum Beispiel als Hochschullehrer. Ich habe mindestens für 12 oder 15 Leute Gutachten geschrieben, die jetzt alle Hochschullehrer sind, in Seoul, in Korea, Buxtehude...

Akyol: Mir haben Sie noch keines geschrieben.

Marg: Nun gut, können wir mal machen. Dann gibt es wieder andere, die sagen, nö, also, ich finde das vollkommen in Ordnung. Ich mache bei Euch eine wie auch immer geartete Form von Partnerschaft. Nur kann man sich ja vorstellen: Wir sind unendlich viel mehr gute Leute als es mögliche Partnerschaften gibt. Also muss man sich entscheiden. Was macht man? Es gibt auch einige, die einen anderen Weg der Selbstständigkeit suchen, die zum Beispiel sagen: Ich ändere mein Tätigkeitsfeld, ich werde Projektentwickler. Andere gehen zur Bauabteilung einer großen Versicherung. Wieder andere sind nach langen Jahren bei uns zu einem großen Projektentwickler gegangen, der gewerblich baut. Und eine Baufirma verdient ihr Geld ja nicht durch Planung, sondern durch Bau und Vermietung. Die zahlen viel mehr. Wenn ich in die gewerbliche Wirtschaft gehe, wenn ich zu Hochtief in die Planungsabteilung gehe, zu ECE, die nur Einkaufszentren hinstampfen, da verdiene ich das Doppelte. Dafür gibt es natürlich andere Zwänge. Dann muss man nämlich das machen, was die Kaufleute wollen, während wir etwas unabhängiger entscheiden können.

Wenn das so ein harter Job ist, wie motiviert man sich dann 35 Jahre lang?

Marg: In der Verfassung steht, die Würde des Menschen ist die Freiheit - die Wahlfreiheit ist gemeint. Die Selbstbestimmung hat ja ihre Haken und ösen. Und die Haken und ösen sind immer die ökonomie. Klar, das ist das Risiko. Aber der Witz ist, ich riskier’ selbst, und der Lustgewinn ist eigentlich der Freiraum, den ich habe, mitsamt dem Risiko. Ich kann ja auch Bungee oder Fallschirm springen. Das Lustgefühl, das ich dabei habe, ist ja, dass ich selbst das Risiko meistere. Das ist nicht jedermanns Sache.

Ist es denn heute schwieriger als vor 30 Jahren?

Gullotta: Ich denke, es ist einfach anders. Viele Bauherren messen die Kompetenz eines Architekten daran, ob er ausreichend Computer hat. Das ist heute leider ein irrsinniger finanzielller Aufwand. Wir haben erstmal einfach Reißschienen, aber trotzdem kommen wir an unsere Grenzen. Wir brauchen Kopierer und, und, und. Vor 30 Jahren war die Technik minimal. Vom Startbudget her war das früher sicher einfacher.

Marg: Die Unbefangenheit, mit der man diesem Anderswerden gegenübertreten kann, ist ja genau die Chance der jüngeren Generation. Und deshalb ist diese Generationsablösung so sicher wie das Amen in der Kirche.

Muss man sich spezialisieren, um bessere Chancen auf dem Markt zu haben?

Marg: Die Architekten teilen mit ganz wenigen Berufen diese Erfahrung, dass man noch alles macht und miteinander verknüpft. Man ist ein Regisseur des Lebens. Es gibt eigentlich nichts, bei dem man sich nicht einmischen kann, und es ist wurscht, ob man jetzt die chirurgische Abteilung für ein Krankenhaus baut oder für den Airbus Produktionshallen oder eine Kirche. überall steckt man drin, alles will man miteinander verknüpfen. Darum ist alles aufregend. Architekten sind ein sehr interessiertes Völkchen. Man inszeniert immer die Wirklichkeit. Nicht auf dem Papier, das ist bei Vernissagen. Und diese Lust bereitet man sich am besten freiberuflich.

Kamps: Wenn man als Generalist auftritt, wird man heute schnell belächelt. Es wird oft gefragt: Und worauf wollt Ihr Euch spezialisieren? Wir sagen, nein, wir sind interessiert, alle Probleme irgendwie anzugehen. Dann muss man schon viel Engagement zeigen, um sich durchzusetzen. Wenn es dann schnackelt, die Erfahrung haben wir bisher gemacht, sind die Leute auch ganz angetan, wenn man zum Beispiel gleich ein Vermarktungskonzept mit überlegt. Man muss auf Leute treffen, die auch zuhören können, die merken, da sind junge Leute mit Engagement und guten Ideen, ich nutze das für mich.

Gullotta: Wir sind Architekten. Punkt. Mehr sagen wir gar nicht. Wir sind nicht der Fassadenberater oder so, einfach der Architekt. Ist das ein Generalplaner? Ich weiß es nicht.

Marg: Die Frage, worauf man spezialisiert ist, kann man ganz einfach beantworten: Ich bin Regisseur. Und wenn man einen Regisseur fragt, worauf er spezialisiert ist, auf Komödien, Tragödien, auf Molière oder auf Genet, dann wird er sagen, nee, ich inszeniere. Ich bin ja als Architekt nicht nur der Regisseur, sondern ich bin gleichzeitig der Intendant. Und der Bühnenbildner. Der Architekt ist der Regisseur, der mit der Wirklichkeit arbeitet. Nur der Unterschied ist, dass er immer mit fremdem Kapital arbeitet, sich ständig also verantworten muss.

Architekten sind sehr eitle Leute. Das ist übrigens einer der Gründe, warum Mitarbeiter oder Partner erst im Schatten stehen und dann ins Abseits wandern, das liegt nicht nur an der Mediengesellschaft, die immer nur den „Star“ herausextrapoliert, sondern es ist ja auch die Eitelkeit derer, die es machen. Die kann natürlich innerhalb einer Sozietät zu einem schweren Konflikt führen. Und darum halten auch sehr häufig Architektensozietäten nicht - wie überhaupt alle Künstlersozietäten. Die Kunst besteht darin, wie man sich gegenseitig gelten lässt und tolerant ist, die Eitelkeit nicht so überzieht, dass sie zum Zerwürfnis führt. Das ist eine ganz heikle Kiste. Aber bei Schauspielern ist das noch schlimmer.


Literaturhinweise für Bürogründer

Eröffnung eines Architekturbüros, Architektenkammer Hessen informiert, Heft Nr. 6, August 2000

Grundzüge eines Neuronalen Managements. Von Werner Preißing. Offenburg 2000
www.candarch.de