Optimismus reicht nicht!

Ökonomische Trends in der Landschaftsarchitektur

Artikel aus  grünFORUM.LA, 2/2005
von Christine Wolf

Landschaftsarchitekten müssen sich mit ökologischen und gestalterischen Trends auseinandersetzen, selbstverständlich. Ebenso selbstverständlich wäre für Landschaftsarchitekten als wirtschaftlich Handelnde auch die Reaktion auf ökonomische Trends, wenn sie ihre Existenz langfristig sichern wollen - dem ist aber nicht so...

"It’s the economy, stupid". Mit diesem einfachen Slogan - hier frei mit "Wirtschaft zuerst" übersetzt - soll, so heißt es, Bill Clinton seine erste Wahl zum US-Präsidenten gewonnen haben. Das ist nun schon zwölf Jahre her. Seither beherrscht die Ökonomie als Mega-Trend den öffentlichen Diskurs. Nichts und niemand kann sich der Ökonomisierung entziehen. Das gilt auch für die Landschaftsarchitekten: Bevor sich Zukunftsaufgaben oder Gestaltungstrends thematisieren lassen, ist zu fragen, wie es eigentlich um die kleinste wirtschaftliche Einheit in der Landschaftsarchitektur bestellt ist, um das freie Planungsbüro. Das Institut für Mittelstandsökonomie der Universität Trier hat kürzlich eine aufschlussreiche Studie veröffentlicht ( "Wettbewerbssituation im Wandel", September 2004). Sie beruht auf einer ausführlichen, bundesweiten Umfrage unter Architekten und Planern und fasst zusammen, was Planer zur Zeit in Sachen Finanzen umtreibt.

Besonders aufschlussreich ist ein Ergebnis, das auf den ersten Blick paradox anmutet. So bewerteten nämlich 60 Prozent der Befragten ihren ökonomischen Status Quo als eher schlecht. Die eigene berufliche Zukunft aber sah ein annähernd gleich hoher Prozentsatz überraschenderweise ziemlich zuversichtlich. Eine Umfrage der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen zur Auftragsentwicklung vom Mai und November 2004 kam zu einem ähnlichen, allerdings nicht ganz so eindeutigen Ergebnis. Je ein Drittel der Befragten äußerten sich eindeutig optimistisch oder pessimistisch. Das dritte Drittel antwortete neutral, was sich je nach Interpretationswunsch pessimistisch ("Mehr ist nicht drin") oder eben auch optimistisch ("Niveau mindestens gehalten!") deuten lässt.

Verlust der Mitte?

©Abbildung: WolfWie passt das zusammen? Kündigt sich da nach gut zehn Jahren Flaute endlich der Aufschwung an? Oder ist uns der ohnehin berufsmäßig unabdingbare Optimismus endgültig zum leeren Reflex geworden? Interessant ist, dass die Optimisten entweder in kleinen oder in großen Büros sitzen. Die mittelgroßen Büros zählen ausnahmslos zu den Pessimisten. Die Mitte bricht offensichtlich weg, ein Trend zu den Extremen, wie er derzeit in eigentlich allen gesellschaftlichen und ökonomischen Bereichen konstatiert werden kann.

Dazu passt dann auch, dass eine deutliche Mehrheit der Befragten die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft entweder auf Spezialisierung gründet - vornehmlich etwas für kleine und kleinste Büros - oder aber auf eine Erweiterung der Angebotspalette, naturgemäß etwas für größere und große Büros.

Einig ist man sich, dass man zukünftig stärker auf private und gewerbliche Auftraggeber zugehen will. Prosperität wird also am ehesten noch hier vermutet, nicht mehr bei den öffentlichen Auftraggebern, die für den öffentlichen Raum zuständig sein müssten - es in vielen Fällen aber einfach nicht mehr können. Projekte und Aktionen der öffentlichen Hand wie die "Regionalen" oder der Wettbewerb "Stadt macht Platz" in Nordrhein-Westfalen sind eine bundesweit beachtete, aber eine Ausnahme. Hier werden notwendige Investitionen in den öffentlichen Raum getätigt und damit in erheblichem Umfang privatwirtschaftliche Folgeinvestitionen motiviert.

Die Hochbauarchitekten sind den Landschaftsarchitekten auf dem Weg hin zu den privaten Auftraggebern ein deutliches Stück voraus. So ergab die Umfrage der Architektenkammer NW vom Mai 2004, dass der Anteil der privaten Aufträge bei den Hochbau-Mitgliedern gegenüber den Landschaftsarchitekten mit 48 zu 39 Prozent signifikant höher ist.

Die größte Schwierigkeit bei einer möglichen Konzentration auf private Auftraggeber wird darin gesehen, dass das Image der Planer bei der privaten Nachfragergruppe nicht stimmt. Ich will hinzufügen: Für den Landschaftsarchitekten gilt zudem, dass die Berufsgruppe immer noch zunächst ein vermittelbares, identifizierbares Image und Leistungsbild entwickeln muss. In jedem Fall muss der Mehrwert, den Architekten und Planer für den Auftraggeber erwirtschaften, besser vermittelt werden.

Daraus ergibt sich ein klarer Auftrag an unsere Berufsverbände, mehr - und anderes - für das Image seiner Mitglieder zu tun als bisher. "Kann ich mir auch das/den noch leisten?" Diese Frage eines Bauherrn und Auftraggebers vor der Beauftragung eines Landschaftsarchitekten oder einer -architektin sollte es nicht mehr geben. Die Überlegung müsste vielmehr lauten: "Was verliere ich alles, wenn ich mir die Nutzen bringenden und Kosten sparende Kompetenz von Landschaftsarchitekten nicht leiste?"

Mit dem Deutschen Landschaftsarchitekturpreis und Handlungsschwerpunkten wie der Stärkung des Planungsexportes oder den Beratungsleistungen in Verbindung mit der neuen Umweltprüfung hat der Bund Deutscher Landschaftsarchitekten in dieser Hinsicht bereits Position bezogen. Grün bringt Nutzen. Auch ökonomisch.

Das Bild des Landschaftsarchitekten als Dienstleister muss konturierter werden. Keine Angst mehr davor, beispielsweise für eine kleinere Kommune nicht nur die planerisch ermittelbaren Entwicklungsperspektiven aufzuzeigen, sondern auch – gegebenenfalls mit zusätzlich herangezogenen Kompetenzen von Ökonomen und Marketingspezialisten – die wirtschaftlichsten und attraktivsten Lösungen für Weg und Ergebnis zu suchen. Genauso selbstverständlich sollte sein, dass Landschaftsarchitekten die Planung und Durchführung komplexer Projekte betreuen und Generalplanungsleistungen übernehmen. Also keine Angst davor, für Wohnungsbauunternehmen nicht nur eine gestalterisch und funktional optimierte Lösung für das Entwässserungskonzept anzubieten, sondern auch das Facility Management für den Betrieb der Flächen, wiederum mit Partnern, zu steuern.

Herausforderungen

Fünf Herausforderungen für die Zukunft kristallisieren sich heraus:
1. Es ist unklar, wie lange der Status der Freien Berufe noch zu halten sein wird. Ihre Vergewerblichung im Zuge der Deregulierungsbemühungen der EU schreitet voran. Hier wird man wach beobachten und vielleicht mittelfristig damit rechnen müssen, dass sich die Rahmenbedingungen des Arbeitens gravierend verändern.
2. Auch die HOAI erfreut sich bei den europäischen Wettbewerbshütern keiner großen Beliebtheit. Bleibt es hier bei einer weiteren "Novellierung", die auf eine Aufweichung hinauslaufen wird, oder fällt die Honorarordnung in absehbarer Zeit ganz? (Wenn jedoch ein ganz entscheidendes Element für die Qualität und Nachhaltigkeit von Planungsleistungen zur Disposition gestellt, so bedeutet dies eine entscheidende Schwächung der Anbieter in allen Vertragsverhandlungen.)
3. Hinzu kommt die Verschärfung der Architektenhaftung. In jedem Fall wird der Architekt noch stärker als bisher darauf verpflichtet, den Bauherrn auf mögliche Auswirkungen seiner Entscheidungen hinzuweisen. Was ihre rechtliche Situation betrifft, so müssen die betroffenen Berufsgruppen zur Zeit jedenfalls mit großen Unsicherheiten leben - und vor allem mit diesen Unsicherheiten arbeiten. Für den ökonomischen Erfolg der Büros und die damit einhergehende Qualität der Arbeit ist das nicht eben förderlich. Aber auch hier nützt das Jammern nicht viel - man muss die notwendige Beratungskompetenz erwerben oder sich dazu holen
4. Die allgemeine Nachfrage ist stark zurückgegangen. Nach der bereits zitierten Umfrage der AKNW muss als Hauptgrund der weitgehende Wegfall öffentlicher Auftraggeber gelten. Ein Ausweg kann die Konzentration auf private Bauherrn sein, ein weiterer sicher - neben dem Zugreifen auf neue Themen und damit neue Märkte - auch vermehrt die Steuerungskompetenz für die planerische Gesamtentwicklung beispielsweise einer Kommune anzubieten. Das etwa fehlende Know-how gehört hier auch in das Kompetenznetzwerk der Büros.
5. Weniger potenzielle Aufträge für immer mehr Anbieter führen zu einem wachsenden Wettbewerbsdruck, vor allem seitens der eigentlich branchenfremden Generalübernehmer, von Bauträgern und von den benachbarten Disziplinen, den Architekten, Raumplanern, Geographen und Geologen. Sie alle bedienen sich seit den 90er Jahren immer stärker bei den angestammten Aufgaben der Freien Berufe. Der Wettbewerbsdruck innerhalb unserer Berufsgruppe ist ebenfalls nicht zu vernachlässigen: Für einen ausscheidenden Landschaftsarchitekten rücken derzeit fünf neue nach. Das ist ein kein befriedigender Zustand. Hier ist die Antwort zwiespältig und birgt sicher großes Diskussionspotenzial - der Berufsstand braucht neue Ideen und frischen Wind, er benötigt ebenso sehr die Erfahrung eines langen Berufslebens.
Die Konsequenz insgesamt ist, dass zuvorderst eine Stärkung des betriebswirtschaftlichen Denkens unabdingbar wird. Landschaftsarchitektur ist zwar seit langem keine BWL-freie Zone mehr, dennoch fehlt vielen Büros die ökonomische Orientierung. Eine stabile ökonomische Perspektive werden zukünftig nur kleine, spezialisierte Büros oder große Büros mit einer stark erweiterten Angebotspalette aufbauen können. So geht die Entwicklung klar in Richtung flexibler und problembezogener Kooperationen - Stichwort: Networking.

Aufgaben im Wandel

Neue Aufgaben gibt es zahlreich - nur einige Denkanstöße zum Schluss: Die Landschaftsarchitektur kann künftig beispielsweise ihr konzeptionelles Potenzial in der regionalen Strukturplanung beweisen, wie die Beispiele IBA Emscher Park und ihre Fortentwicklung im EmscherLandschaftsPark Masterplan, dem "Emscherdialog", oder die nordrheinwestfälischen Regionalen zeigen. Hier wird das Verhältnis Stadt und Landschaft hinterfragt und es werden Leitbilder zukünftiger Landschaften diskutiert - Jobs für Landschaftsarchitekten, wenn sie nicht höflich anderen den Vortritt lassen.

Auch im beginnenden Stadtumbau West können Landschaftsarchitekten Aufgaben finden. Der Stadtumbau schafft Chancen für eine nachhaltige Entwicklung der Stadtlandschaft (Pflege durch Nutzung, Extensivierung). In Fragen der Umweltverträglichkeit oder der Kompensation von Eingriffen in den Naturhaushalt sind Landschaftsarchitekten Experten - wissen das andere auch?

Die Entwicklung und Aufwertung von Freizeit- und Erholungsangeboten, beispielsweise in Kombination mit dem Wiederaufbau von ehemals industriell genutzter Landschaft, sind wichtige Zukunftstrends. Zur Zeit wird auch die Gartenkunst als touristisches Event entdeckt - Landschaftsarchitekten können facettenreiche, touristische Konzepte entwickeln und in Kooperation mit anderen Sparten auch umsetzen - wo tun sie das?

Projekt- und Prozesssteuerung oder Generalplanung sind für Landschaftsarchitekten zumindest keine Fremdworte mehr. Moderation und Mediation von Planungsverfahren bilden ebenso wichtige Felder, wie die Entwicklung und Betreuung neuer Pflege- und Unterhaltsmodelle für Frei- und Grünflächen.

Infos

Der Beitrag basiert auf einem Vortrag im Rahmen des Symposiums "Trends im Garten- und Landschaftsbau" Ende 2004 in Magdeburg und Karlsruhe, Veranstalter SF-Kooperation, Bremen.

Mehr dazu 

Die Studie des Instituts für Mittelstandsökonomie der Universität Trier "Wettbewerbsituation im Wandel - Architekten und Planer vor großen Herausforderungen" steht als pdf-Dokument zum Download unter inmit.de zur Verfügung.

Die Autorin

Seit 1998 führt die Landschaftsarchitektin Christine Wolf, Jahrgang 1959, (seit 2003 gemeinsam mit Rebekka Junge) ein Landschaftsarchitekturbüro in Bochum. Von 1988 bis 1998 war sie im Büro Prof. Gerber+ Partner, Dortmund tätig, davon fünf Jahre als Partnerin. Seit 2001 ist sie Vorsitzende der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten, des zweitgrößten Landesverbandes des BDLA. Zudem hat sie seit 2001 eine Vertretungsprofessur an der Universität Duisburg-Essen inne.

Dipl. Ing. Christine Wolf
 Wbp Landschaftsarchitekten-Ingenieure, Bochum



 Original-Artikel
www.candarch.de