Aufgaben in Hülle und Fülle

Gestalterische Trends in der Landschaftsarchitektur

Artikel aus  grünFORUM.LA, 3/2005
von Christine Wolf


Herbstliches Pflanzenbild im Parque André Citroën, Paris. Planung: G. Clément, A. Provost und andere.
Manche empfinden den ökonomischen und demographischen Wandel unserer Gesellschaft als Katastrophe. Der Übergang von der Wachstumsgesellschaft zu einer nachhaltig organisierten kann für die Landschaftsarchitekten jedoch zu einer großen Chance werden – birgt er doch eine beeindruckende Aufgabenfülle. Denn das Ende der Industriegesellschaft ihren enormen Flächenansprüchen und die schrumpfenden Städte hinterlassen vor allem eines: Freiraum.

Ein ungeheures Potenzial Freiflächen steht zur Verfügung: Brachen, Konversionsareale, ehemalige Bahnbereiche, überdimensionierte Verkehrsflächen, kleine und große Baulücken in dicht bebauten Innenstädten. Längst sind neue Stadtlandschaften entstanden, Patchworks aus Fragmenten von natur- und stadträumlich geprägten Kulturlandschaften, die sich zunehmend über den Freiraum definieren werden. Längst ist nicht mehr sicher, dass sich ausreichend Nutzungen und die entsprechenden Investoren für immer mehr Gebäude finden lassen. Mit Immobilien allein ist künftig keine Stadt mehr zu machen. Der Freiraum macht's. Flächen, die künftig nicht in erster Linie von Stadt- oder Raumplanern allein, sondern interdisziplinär, gemeinsam mit Landschafts- und Freiraumplanern und ihrem besonderen Know-how entwickelt werden müssen. Es gibt bereits viele erfolgreiche Beispiele dieser Zusammenarbeit.

Und wie werden diese Flächen aussehen? Welches sind die gestalterischen Trends in der Landschaftsarchitektur heute? Diktiert der ökonomische Strukturwandel womöglich die Raumkonzepte und die Gestaltung? Sind die klassischen Gestaltungsmittel der Landschaftsarchitektur noch aktuell, ist manches womöglich wiederzuentdecken oder muss das Repertoire erweitert werden?

Pflanzenlust

Pflanzenlust Unsere grundlegenden Gestaltungsmittel werden auch gegenwärtig gebraucht. Wir sichten und bewerten vorhandene Strukturen, wir schaffen und gestalten Räume mit Grün, mit Pflanzen also, mit Wasser, Bodenmodellierungen und Wegen. Was sich verändert hat, ist die Gewichtung dieser Mittel. Es fällt auf, dass vor allem das Gestalten mit der Pflanze im Planungsalltag vieler Landschaftsarchitekten keinen hohen Stellenwert hat. Wir sind nach wie vor von den Gartenbildern eines Burle Marx oder Piet Oudolf begeistert, lassen uns davon aber zu wenig für unsere eigenen Projekte anstecken.

Und was an Pflanzenwissen im planungspraktischen Alltag fehlt, taucht auch in der Theorie und der Ausbildung nicht in hinreichender Weise auf. Das Gros unseres Nachwuchses kennt wohl kaum mehr Pflanzen als mancher Laie. Wobei nicht nur die botanischen Bezeichnungen, sondern vor allem ihre Anwendung, ihr Einsatz, die gestalterische Komposition ebenso wie die ökologisch sinnvolle Vergesellschaftung stärker gelehrt - und natürlich gelernt - werden müssten. Bewundernd und ein wenig neidisch wäre als Beispiel der Parc André Citroën von G. Clement in Paris mit seinen Gartenräumen zu nennen, in dem man gekonnt mit der Vielfalt der Pflanze gespielt hat. Die Kenntnisse von Standortansprüchen, der Entwicklung und der Pflege der Pflanzflächen und ihrer gestalterischen Wirkung sind heute, wo Grün in der Stadt vor allem bezahlbar sein muss, besonders wichtig.

Geradezu zwingend ist vor diesem Hintergrund, den Aspekt der Pflege früh in den Entwurfsprozess einzubeziehen. Pflegekosten zu minimieren ist notwendig, führt aber angesichts leerer Haushaltskassen gelegentlich zu einer Banalisierung mancher Konzepte. Im Extremfall heißt das, dass nur gebaut wird, was einmal im Jahr durch den Balkenmäher "pflegbar" ist. Wir brauchen jedoch Konzepte, die mehr können und trotzdem bezahlbar sind.

Der Nutzer des öffentlichen Grüns gerät stärker in den Blick: "Pflege durch Nutzung" heißt eine mögliche Alternative für manche durch den Stadtumbau freiwerdende Fläche, die keine Kommune eigentlich mehr in ihren zu pflegenden Flächenbestand aufnehmen will. Solche Flächen brauchen, um den Landschaftsarchitekten Andreas Kipar zu zitieren, Struktur durch große "Vegetationsarchitekturen", Baumkreise oder -reihen beispielsweise. Das Verhältnis von Investitionskosten zur Wirkung ist bei der Pflanze im Vergleich zu anderen dreidimensional wirksamen Elementen unschlagbar. Wer mit geringen (ökonomischen) Mitteln viel erreichen will, kommt um Pflanzen nicht herum.

Eine Renaissance der Pflanzenkultur ist daher überfällig.

... mehr Licht

©Foto: C. Janot
Rheda bei Nacht: mediterran anmutende Stimmung in der Innenstadt. Planung mit Lichtkonzept: wbp Landschaftsarchitekten, Bochum.
Wenn das Gestalten mit Pflanzen im Verhältnis zu allen anderen gestalterischen Mitteln des Landschaftsarchitekten enorm ausbaufähig erscheint, möchte man beim Thema Licht hingegen eher um Zurückhaltung bitten. Denn das Licht der Vernunft ist es nicht, was uns ebenso grell wie diffus und vor allem unkoordiniert aus den nächtlichen Städten entgegenstrahlt. Dabei ist - gerade angesichts der Diskussion über die Attraktivität der Innenstädte - eine angenehme, "lichte" Aufenthaltsatmosphäre eine wichtige Aufgabe.

Die Lichttechnik erlaubt es heute, Atmosphäre und Raumwirkung eines Platzes oder die Inszenierung eines Parks mit Licht zu unterstützen, wie es noch vor wenigen Jahren unmöglich gewesen wäre. Wir müssen aber lernen, mit dieser Freiheit der Gestaltung ökonomisch umzugehen. Neben Gesamtkonzepten gehört dazu auch, dass die Lichtplanung - sei sie permanent oder temporär - früh und selbstverständlich in die Entwurfsplanung einbezogen wird. Lichtmasterpläne (wie in Düsseldorf, Berlin und Heidelberg) sind seit einigen Jahren gute Wegweiser. Das Planen mit Licht ist ein herausfordernder Trend, den Landschaftsarchitekten zur Erweiterung von Gestaltungskompetenz und Aufgabenspektrum nutzen können.

... mehr Wasser

©Grafik: wbp Landschaftsachitekten, Bochum
Etappenziel Dinxperlo, NL: Vogelberg und Übernachtungshäuschen als touristische Magnete an der Aa. Planung: wbp Landschaftsachitekten, Bochum mit Ader & Kleemann, Kalkar.
Auch Wasser belebt, verbindet, fasziniert. Die Nähe zum Wasser wird, gerade im Wettbewerb der Stadtlandschaften um die Gunst der Bewohner und Investoren, zunehmend als Standortvorteil genutzt. Seien es Barcelona, Mühlheim oder Dinxperlo - Städte und Gemeinden mit einer Wasserfront können diesen Standortvorteil wirtschaftlich nutzen und sind daher zunehmend bereit, in die Stadtgestalt zu investieren. Die einen verbinden ihre Städte über Promenaden mit dem Wasser, die anderen versuchen Rad- und Wasserwanderer zu einem Aufenthalt in ihrem Ort zu bewegen.

Nicht jede Stadt kann mit einem räumlichen Bezug zum Wasser aufwarten. Doch kann jede Stadt ihr Stadtbild mit Wasser aufwerten: In NRW kommt das seit 1996 geltende Gesetz ins Spiel, wonach bei allen Neubaumaßnahmen das anfallende Dach- und Oberflächenwasser wieder dem natürlichen Kreislauf zuzuführen ist. So lassen sich ökologische Notwendigkeiten mit Gestaltung und Ökonomie intelligent koppeln: bei den Außenflächen der FH NON Lüneburg mutiert das Regenrückhaltebecken zum "idyllischen Teich über einer Tiefgarage in mit Schwan", beim Kreishaus in Gütersloh wird Zürich. Planung: das Sammeln und Ableiten des Wasser zum spieunbekannt. lerischen Freizeit- und Pausenobjekt.

©Foto: Häfner/Jiménez
Eine „individuelle“ Lärmschutzlösung. Planung: Häfner/Jiménez, Berlin.
Doch noch immer gilt: Ein Reduzieren auf das Wesentliche oder die optimale Verknüpfung von Funktion und Gestaltung gereicht (nicht nur) dem Freiraum durchaus zum Vorteil: Sparsam in der Fläche, sorgsam, vielleicht gar edel, im Detail. Man sollte nur den Fehler vermeiden, Äpfel mit Birnen zu vergleichen - an die optische und haptische Qualität und Langlebigkeit eines hochwertigen Natursteins reicht ein Betonstein sicher selten heran. Neue und starke Parkbilder wurden im Rahmen der IBA Emscher Park in Nordrhein-Westfalen geschaffen: blühende Gärten inmitten von Industrierelikten, wie dem Landschaftspark Duisburg-Mei-derich von Peter Latz oder das Spiel mit der ästhetischen Wirkung von mageren Böden und Vegetation, das den kraftvollen Granitskulpturen eines Rückriems zur passend schlichten Antwort wird.

Herausforderungen

Schließlich noch ein Aufgabenfeld, dessen ästhetische Herausforderung noch immer nicht klar genug erkannt wird und das es dennoch wert wäre, einen gestalterischen Trend zu begründen: die Gestaltung von technischen Landschaften. Eine mobile Gesellschaft bewegt sich zunehmend in ihnen. Bei der Einbindung von Ingenieurbauwerken (etwa Brücken, Autobahnkreuzen, Lärmschutzwände) in die Stadtlandschaft sind Lösungen von Landschaftsarchitekten gefragt. Deren Aufgaben werden im Tief- und Ingenieurbau aber noch zu häufig auf das "Ein-" oder "Weggrünen" dieser Anlagen reduziert. Hier könnten wir uns einmischen, unseren "Dipl. Ing" hervorholen und gestalterische wie technische Kompetenz zeigen.

Wir befinden uns also gegenwärtig in einer ebenso gelegentlich beängstigenden wie Kreativität herausfordernden (Lern-)Phase - knappe Kassen bei großen Aufgaben, ein fast nicht auflösbares Spannungsfeld. Der anhaltende ökonomische Trend zum "Weniger", zum Sparen muss uns dazu verhelfen, unsere Kreativität in allen Bereichen unseres Berufsfeldes zu stärken. Wenn wir auch in Zukunft Räume gestalten wollen, müssen wir Beispiele auf den Markt bringen, die "gestalterisch wertvoll" und bezahlbar und in den Folgekosten überschaubar sind.

Infos

Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag im Rahmen des Symposiums "Trends im Garten- und Landschaftsbau" Ende 2004 in Magdeburg und Karlsruhe. Veranstalter war die SF-Kooperation, Bremen. Die SF-Kooperation bietet in regelmäßigen Abständen Diskussionsplattformen an, die dem fachlichen Austausch und der Bildung von Netzwerken dienen und zu denen in Karlruhe und Magdeburg insgesamt rund 200 Teilnehmer aus Planungsbüros, Betrieben und öffentlichen Verwaltungen kamen.

Die Autorin

Seit 1998 führt die Landschaftsarchitektin Christine Wolf, Jahrgang 1959, (seit 2003 gemeinsam mit Rebekka Junge) ein Landschaftsarchitekturbüro in Bochum. Von 1988 bis 1998 war sie im Büro Prof. Gerber+ Partner, Dortmund tätig, davon fünf Jahre als Partnerin. Seit 2001 ist sie Vorsitzende der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen des Bundes Deutscher Landschaftsarchitekten, des zweitgrößten Landesverbandes des BDLA. Zudem hat sie seit 2001 eine Vertretungsprofessur an der Universität Duisburg-Essen inne.

Dipl. Ing. Christine Wolf
 Wbp Landschaftsarchitekten-Ingenieure, Bochum



 Original-Artikel
www.candarch.de