Der Krieg da draußen

Bericht auf  DBZ Aktuell

Professoren und Studierende des Hildesheimer Fachbereichs Architektur der Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen diskutieren unter dem Motto Architekturlehre - aber wie? über neue Wege in der Ausbildung und gesellschaftliche Entwicklungen in der Architektur

Am gegenwärtigen Zustand der Architekturlehre gibt es Kritik - und das, man sollte sich nichts vormachen, schon seit längerem. Der BDA hat vor gut einem Jahr eine ganze Bundesdelegiertenversammlung dem Thema gewidmet mit interessanten Vorträgen - freilich mit wenig Resonanz. Dass die sich zum Teil widersprechenden Thesen, ob zugespitzt oder etwas konzilianter, die bei dieser Veranstaltung formuliert wurden, gar am Alltag in den Hochschulen etwas verändern könnten, glaubten wohl auch der einladende Berufsverband nicht. Denn wurde meistens die ganze Verantwortung von den prominenten Professoren auf die Studenten abgeladen, die zu viele, zu faul, zu brav, zu einseitig interessiert und alles mögliche sonst noch Negative seien. So diente die Veranstaltung eher eitler Selbstvergewisserung akademischer Lehrer, denn einer kritischen Bestandsaufnahme der Lehre. Fachfremden wird die kritisierte Realitätsuntüchtigkeit und Abgehobenheit der Architektenausbildung ohnehin nie so ganz einleuchten, stellen doch die überwiegende Mehrheit der Lehrstuhlinhaber jene Praktiker und Inhaber renommierter Büros, die eine Dissertation oder gar Habilitation vielleicht mal gelesen, selbst aber in der Regel nicht verfasst haben.

Universitas bedeutet im Wortsinne "gesellschaftlicher Verband", und die ersten Universitäten waren "Gesamtheiten der Lehrenden und der Lernenden", die einem eigenen Recht unterstanden. Die Veranstalter einer Diskussion im Fachbereich Architektur der Fachhochschule Hildesheim um die Zukunft der Architektenausbildung haben sich solcher Anfänge erinnert, obwohl, und das sei eingeräumt, sich die Situation in heutigen Massenuniversitäten natürlich fundamental von der an ihrem Ursprung unterscheidet. Dennoch diskutierten in Hildesheim Professoren und Studenten zusammen. Man wählte zwar manch martialische Formulierung wie etwa „Wir müssen auf den Krieg da draußen vorbereitet werden“, man erhob das schon öfters gehörte allgemeine Lamento über den allzu geringen Marktwert guter Architektur, man schreckte auch nicht vor gegenseitigen Vorwürfen zurück, doch am Ende fand man zum offensichtlich überraschenden Konsens, dass es eben gut sei, mal miteinander geredet zu haben. Dieses passiere offenbar viel zu selten, und deswegen wolle man künftig vermehrt zusammen diskutieren. Die Deutsche Bauzeitschrift DBZ will diese Diskussion dokumentieren und veröffentlicht in DBZ-Online das

Protokoll

Eingetretene Pfade zu gehen ist bequem und energiesparend, doch am Ende steht meistens nur ein mittelmäßiges Ergebnis. Manchem mag dies genügen - nicht so den Hildesheimer Architekturprofessoren der Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen. Sie sind jetzt in die Offensive gegangen und wollen neue Wege beschreiten, denn sie sind unzufrieden mit der bisherigen Ausbildungsstruktur für Architekten. Unzufrieden „mit der gegenwärtigen Meinungslosigkeit und Sprachlosigkeit von Gesellschaft und dieser Hochschule“. Mit diesen Worten eröffnet Professor Bernd Sammann die Diskussionsrunde in der Aula der Fachhochschule. Ist die Architektenausbildung in Hildesheim noch zeitgemäß, bereitet sie auf die Wirklichkeit in der Wirtschaft vor, sollen Generalisten oder besser Spezialisten ausgebildet werden?

„Architekturlehre... aber wie?“ - diese Frage haben sich die Professoren des Fachbereichs im Allgemeinen, aber auch im Besonderen vor dem Hintergrund der geplanten umfassenden Studienreform an der gesamten Fachhochschule gestellt. Und was liegt näher, als das Thema nicht nur im stillen Kämmerlein, sondern auch gemeinsam mit den Studierenden zu erörtern. Zur Standortbestimmung sind rund 100 Studierende in die Aula gekommen. Einer davon bringt auf den Punkt, was viele angesichts des derzeit miserablen Arbeitsmarktes für Architekten denken: „Wir müssen auf den Krieg, der da draußen herrscht, vorbereitet werden.“

Diesen „Krieg“ hatte Professor Bernd Echtermeyer schon als Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Architektur diagnostiziert: Auf der einen Seite billige „Häuser von der Stange“, die direkt beim Bauherrn und ohne Architekten gekauft werden könnten. Auf der anderen Seite Luxusbauten, von wenigen Stararchitekten für wenige betuchte Leute konzipiert, das sei die Realität. „Gibt es etwas dazwischen?“, fragt Echtermeyer. Welchen Weg geht eine Fachhochschule zwischen diesen beiden Polen? „Muss die Antwort die Zwei-Klassen-Ausbildung sein, und welche Klasse studiert dann an der Fachhochschule?“ fragt Professor Dr. Georg Klaus.

„Die so genannte Brauchbarkeit in der Praxis oder das, was die Wirtschaft benötigt, kann und darf nicht primäre Handlungsanweisung für die Lehre an Hochschulen sein“, meint Sammann, denn immer benötige solide Praxis eine qualifizierte Theorie, damit Inhalt und Richtung definiert seien. In diesem Sinne sollte mit der Reform der Studienordnung ab 2002 ein Anteil Studium generale im Lehrplan fest verankert werden. Die traditionellen Lehrformen müssten überdacht und die Frage geklärt werden, ob qualifizierte Vertiefungsrichtungen für mehr Spezialwissen eingeführt werden sollen. Die Meinungen der Studenten gehen in diesem Punkt auseinander. Einer hält dies für den richtigen Weg und liefert die überschrift für einen Themenschwerpunkt in Sachen „Krieg“ gleich mit: „Wir brauchen angesichts der Marktsituation ein Angebot in der Lehre: Gute Architektur für wenig Geld.“ Eine Kommilitonin winkt ab: „Unsere Studienzeit ist mit neun Semestern für Vertiefungen zu kurz.“ Entweder seien sie dann ihren Namen nicht wert oder das Grundlagenwissen käme zu kurz.

Andreas Rauterberg, Vertreter der Niedersächsischen Architektenkammer in der Runde, lässt keine Zweifel an der Position der Kammer aufkommen: „Es kann nicht angehen, dass wir von vornherein Fachidioten ausbilden.“ Generalist oder Spezialist respektive Luxusarchitekt oder Handlanger von Billigbauherrn - Bernd Sammann erinnert an die Ethik des Berufsstandes: „Ist noch Platz für Proportion und Harmonie in der Generalunternehmerarchitektur? Ist Materialehrlichkeit ein Paradigma oder nur noch verlorener Zeitgeist?“ Vielleicht sollte zumindest eine Hochschule an Idealen festhalten, auch wenn die Realität eine andere Sprache spricht. Die Antwort bleibt offen, ganz im Sinne des 1946 geborenen Amerikaners Daniel Libeskind, der zum Stand der Architektur sagt: „Ich glaube, dass die Architektur in ihr Ende eingetreten ist. Das heißt nicht, dass die Architektur erledigt ist. Ich denke, dass alle, die Architektur praktizieren, ob bewusst oder unbewusst, irgendwie spüren, dass etwas zu Ende geht...“

Professor Dieter Bahlo präzisiert dieses unbestimmte Gefühl der Veränderung mit dem neuen Begriff des „Architainment“, den beispielsweise die Autostadt in Wolfsburg mit Leben fülle. Professor Carsten Timm nennt sie „so etwas wie eine Attrappe“. Die Architektur laufe Gefahr missbraucht zu werden, durch Bauten, die nur kurzlebige Effekte heischten und bei denen auf Nachhaltigkeit aus unterschiedlichen Gründen verzichtet werde. Bahlo tritt dagegen für eine Lehre ein, die einfache, klare Architektur vermittelt. Sie müsse langfristig benutzbar bleiben. Rücksicht auf den Menschen fordert Bahlo ebenso ein wie eine hohe Gebrauchsqualität im Detail. Dafür sei jedoch ein großes Maß an Kreativität und Beweglichkeit notwendig - von Architekten und auch schon von den Studierenden während ihrer Ausbildung.

„Archtekturlehre - aber wie?“ - eine Frage, der sich nach Ansicht der Professoren ganz besonders eben auch die Studenten stellen müssen. Sie sollten mitgestalten, eigene Forderungen zu ihrem Studium aufstellen und über den Tellerrand ihrer Klausuren blicken. Der Dekan des Fachbereichs, Professor Martin Thumm, aber beschreibt die Generation der Studenten anders: „Sie sind passiv trainiert.“ Sammann hatte zuvor schon gefragt: „Sind die Studenten ausreichend studierfähig?“ Die Professoren fordern die aktive Auseinandersetzung mit den Entwicklungen der Zeit und den Fragestellungen am Fachbereich. Allerdings mussten sie prompt die Retourkutsche hinnehmen: „Wo waren denn unsere Lehrer, als wir unsere Erfahrungen im Praxissemester vorgestellt haben“, fragt ein Student in die Runde.

„Wie steht es also mit der Diskussion in der Hochschule, an diesem Fachbereich Architektur?“, hatte Bernd Sammann zu Beginn das Gespräch eingeleitet. Lehrende und Studierende müssen sie gleichermaßen ankurbeln, die Veranstaltung in der Aula war ein erster Schritt. Darin waren sich die Beteiligten einig, auch wenn bei weitem noch nicht auf alle Fragen eine Antwort gefunden wurde. Aber das hatte vermutlich auch niemand erwartet. Denn manchmal bringt es schon weiter, eine Frage zu stellen.

Weitere Informationen:  FH Hildesheim

 Original-Artikel
www.candarch.de