Recht auf Gartenzwerge

Artikel aus  db, 11/2000
von Gert Kähler

Über guten und schlechten Geschmack

Architekten erheitern sich gern über die angeblich geschmacklichen Entgleisungen ihrer Mitbürger. Von sich selbst behaupten sie, einen guten Geschmack zu haben. Oft aber wird in ihrer Betrachtungsweise Geschmack und Qualität in einen Topf geworfen. Gert Kähler zeigt auf, dass beide Begriffe recht wenig miteinander zu tun haben.

Man muss das einmal erlebt haben: Eine Gruppe von Architekten besucht das Wohn-Werk eines Kollegen, in diesem Falle: in Wien. In der steinernen Wüste am Stadtrand hat einer der Bewohner zwei Gartenzwerge auf eine der Sichtbetonmauern gestellt. Das gibt ein schönes Foto - vor allem aber gibt es eine Lachsalve der Architekten über diesen Ausbund an Ungeschmack - der Blödmann, der weiß nicht einmal seine eigene Wohnumgebung, dieses architektonische Meisterwerk zu würdigen!
Der Architekt beschreibt es folgendermaßen: Die Manifestation der Erinnerung von Geschehnissen wird zur Geschichte des Ortes, idealisiert in der abstrakten Sprache der Architektur. Die Architektur wird zum Vermittler dieser Erinnerung durch eine freie Assoziation mit Begriffen und Visionen, die durch die begrenzten Ausdrucksmöglichkeiten der architektonischen Sprache objektiv bestimmt werden müssen, um die Theatralik gegenständlicher Darstellung zu verneinen: Erinnerung wird zum räumlichen Erlebnis. Die architektonischen Elemente, die das räumliche Gefüge des Ortes bestimmen und sich mit dem Eingriff in die physische und geschichtliche Morphologie des Ortes auseinander setzen, werden zu Manifes-tationen von Metaphern, die eine universelle Deutung der Erinnerung anstreben: Verschüttung / Ausgrabung / Trennung / Teilung / Durchdringung / Zusammenprall / Endpunkte / Tore / Achsen / Risse / Wege / Illumination / Spannung / Versöhnung.
Die Architektur wird zur Idealsprache, wobei ›Ideal‹ als eine Form radikaler Klarheit verstanden werden soll. Der Mythos des Ortes kann weder beschworen noch erobert werden: Er enthüllt sich fragmentarisch in Raum und Zeit."
Ob die lachende Architektentruppe den Text versteht, sei dahingestellt; aber darum geht es nicht. Es sei auch zugestanden, dass die Lachsalve das Ergebnis einer Gruppenhysterie ist (wenn erst ein Meinungslacher anfängt ...). Wenn man den Kollegen einen Vortrag hielte des Inhalts, dass sich in den Gartenzwergen ein Protest ausdrückte gegen eine Versteinerung der Umwelt, ein Protest gegen eine Gesellschaft, die den einzelnen immer stärker zu normieren trachte, ein Protest gegen Vermassung, eine Demonstration für Individualität, dann würden sie einsehen, dass ihr Lachen kurzsichtig gewesen ist (wenn das denn physiognomisch geht).
Ein ganz raffinierter Kollege, schnell umschwenkend, würde vielleicht sogar darauf kommen, dass speziell sein Lachen bereits die Solidaritätsgeste mit dem Gartenzwerg-Protest gewesen sei, denn Architekten sind in ihren Argumentationen nicht ungeschickt.
Sie wissen sehr gut den entscheidenden Punkt zu umgehen, nämlich den, dass etwa zehn Prozent der ausgebildeten Architekten als "Hoch-Architekten" für drei Prozent der Bevölkerung bauen - sich selbst inbegriffen. Und dass 97 Prozent der Bevölkerung der von Obelix entlehnten Meinung sind, "die spinnen, die Architekten".
Das gilt umgekehrt ebenfalls - weshalb die "Hoch-Architekten" über die baulichen Hervorbringungen von 97 Prozent der Bevölkerung (einschließlich der dabei erfassten Bauten der Kollegen!) so gern lachen - sie sind ein fröhliches Völkchen. Sie lachen, weil sie allüberall die Erzeugnisse des Ungeschmacks sehen. Die "trunkene Zigeunerin" als Ölgemälde, auf die Architektur von Krüppelwalm und Sprossenfenster übertragen, ist in ihren Augen ebenso obsolet wie das, was Kollegen vor fünf Jahren gebaut haben und was jetzt mega-out ist. Diese Architekten wissen, dass jene Hervorbringungen von schlechtem Geschmack zeugen. Sie haben vielleicht sogar Recht - aber aus den falschen Gründen.
Denn die Architekten - und, wohlgemerkt: wir sprechen immer noch von den vielleicht zehn Prozent der "Hoch-Architekten"; denn "die" Architekten gibt es nicht; es gibt nur einige Meinungs- beziehungsweise Geschmacksmacher, ihre Gefolgschaft und die zahlreichen anderen Architekten, die land-auf, landab ebenfalls Häuser bauen: Musterhäuser für die Fertighausindus-trie, Einfamilienhäuser für den Mittelstand mit Walm und Krüppelwalm, Reihenhäuser am Stadtrand mit Sprossenfenstern, Bürohäuser mit extravaganten Eingangszonen aus Kunststoffprofilen und viel verwinkeltem Glas - alles von Architekten entworfen! Die architektonischen Meinungsmacher also, ihre schreibenden "Dedicated Followers of Fashion", aber auch die anspruchsvolle Klientel der in der Regel betuchteren Bauherren, deren Domizile in "Häuser" und "Schöner Wohnen", in "Ambien-te" und "Architektur & Wohnen" gern veröffentlicht werden, die haben gar keinen "guten Geschmack". Sie haben - was in ihren Augen viel wichtiger ist - den Geschmack einer Elite. Für sie ist das allerdings dasselbe.
Tatsächlich ist aber der Geschmack der "happy few" gar kein Qualitätsmerkmal, sondern eines von Mehrheitsverhältnissen. Wenn der Geschmack der kleinen radikalen Minderheit, die man "Elite" nennt, das wäre, was diese mit ihrer medialen Propagierung scheinbar anstrebt: nämlich der Geschmack der Mehrheit, dann würde sich diese Elite schleunigst einen anderen "Geschmack" suchen. Denn sie stellt gar nicht die Frage nach der Qualität, sondern die nach der Unterscheidung.
Das klingt kritischer, als es gemeint ist. Hier wird weder verlangt, dass man sich einem Massengeschmack unterwerfen solle, noch wird das Recht des einzelnen auf Unterscheidung von anderen bestritten. Auch wird nicht etwa die Elite abgelehnt zugunsten der Masse. Und dass wir alle von modischen Trends abhängig sind, wird ohnehin als selbstverständlich vorausgesetzt.
Der Punkt ist ein anderer: Die Frage ist, ob es objektive Kriterien zur Unterscheidung von Architektur gibt - Kriterien, die jenseits von Geschmacksfragen liegen; die Frage ist, welche das sein können und ob sie nicht sogar objektivierbar sind, so dass sie im Sinne der Unterscheidung von Qualitäten verschiedener Bauten verwendbar sind. Da sind Fragen des "Geschmacks" von relativ geringer Bedeutung. Denn wenn jemand ein Haus von, sagen wir: Herzog & de Meuron für sich als angemessen erachtet, dann muss er nicht wie bei Bienefelds wohnen und auch nicht wie bei Gehrys.
Aber er würde sich nach allgemeinem Elite-Maßstab auf gleichem Niveau bewegen. Gleich, in welchem der drei sehr unterschiedlichen Bauten er wohnte - man könnte nicht sagen:
Er hat einen schlechten Geschmack. Und das, obwohl die drei Häuser unterschiedlich genug wären!
Von schlechtem Geschmack würde es nach landläufiger Hoch-Architekten-Meinung erst zeugen, wenn dieser fiktive Bewohner im Nachbau einer Villa des 18. Jahrhunderts wohnte (es sei denn, diese wurde von den Kahlfelds gebaut, deren Oeuvre und architektonische Herkunft unzweifelhaft Qualität & Zeitgenossenschaft belegt). Selbst wenn bei einem der drei modellhaft angenommenen Architekturen der Regen nach einem halben Jahr durchs Dach dringt und den Biedermeier-Schreibtisch des Bauherrn ruiniert, wird man darin noch kein Unterscheidungsmerkmal, sondern nur eine schlechte Bauausführung erkennen. Der Architekt, der auf jenem hohen Niveau baut, auf dem Stile gemacht werden, kann nicht schlecht bauen (das lässt sich übrigens anhand der beiden berühmtesten Bauten des 20. Jahrhunderts belegen: der eine, Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon, wurde nach einem halben Jahr abgerissen, weswegen er als eine Art Modell seiner selbst gebaut worden war mit einem Dach, das keinen Winter überstanden hätte.
Der andere, Le Corbusiers Villa Savoye, war eine technische Katastrophe: "Es regnet in die Halle, es regnet auf die Rampe, und die Mauer der Garage ist vollkommen feucht. Es regnet außerdem in mein Badezimmer, das bei jedem Schauer überschwemmt ist", so der leicht aufgebrachte Bauherr.
Offenbar ist es also wichtiger, über die "In-group" und ihren Jargon Bescheid zu wissen, als über nachvollziehbare Kriterien der Bewertung von Architektur nachzudenken (es versteht sich, selbstkritisch, dass auch die Schar der Kritiker den gleichen Gesetzen unterliegt). Wenn man diesen Tatbestand jedoch in Frage stellt, dann kommt man zu einer völlig veränderten Versuchsanordnung. Die geht keineswegs davon aus, dass der Geschmack kein wichtiges oder in mancher Hinsicht nicht auch ausreichendes Kriterium ist. Für meine Haus- oder Wohnentscheidung ist sie sogar das einzig mögliche. Aber sie kann eben kein objektives Kriterium für die Beurteilung von Architektur bilden.
Bevor also über den Geschmack geredet werden kann, sollte über die Qualität gesprochen werden - nicht nur, aber auch deswegen, weil in ihr messbare Kriterien enthalten sind.
Dabei meint der Qualitätsbegriff nicht nur die Bauausführung, er bezieht sich auch nicht allein auf Konstruktion und Details - den messbaren Teil; die Frage nach den Bauschäden reicht keinesfalls als Kriterium aus.
Qualität umfasst ebenso räumliche Qualitäten wie die Fragen nach der Umweltverträglichkeit der Architektur in ästhetischer wie in technischer Hinsicht. Sie enthält alle die Fragen, die mit der Ökologie des Bauens zu tun haben. Sie beinhaltet sogar die Frage nach den Kosten im Verhältnis zu dem, was sich der Bauherr leisten kann.
Fragen des Stils sind dagegen weitgehend uninteressant - mit der Betonung auf weitgehend. Wenn ein Häuslebauer nicht in einem Ambiente aus Stahl und Glas leben möchte, sondern lieber in einer klassizistischen Villa, dann ist das zunächst einmal sein gutes Recht.
Genauso gutes Recht ist das des Architekten, das eine zu bauen, das andere aber abzulehnen. Aber: Mit "gut" oder "schlecht" hat das nichts zu tun; das sind moralische Kategorien, die in der Architektur nichts zu suchen haben.
Wenn es die klassizistische Villa sein soll, dann kann man genauso nach der Stimmigkeit der Fußleiste fragen - Holz oder Kunststoff? - wie beim Stahl-Glas-Haus. Und die Antwort auf diese und ein paar der anderen eben angedeuteten Fragen lässt eine Unterscheidung zu zwischen einem qualitätvollen und einem weniger qualitätvollen klassizistischen Haus. Was viel wichtiger ist: Sie lässt die qualitative Unterscheidung zu zwischen dem Stahl-Glas-Haus und dem klassizistischen - und die liegt nicht auf der Ebene der Ästhetik - weitgehend - denn an dieser Stelle sind ein paar Einschränkungen angebracht, die das "anything goes" relativieren - und schon befindet man sich wieder auf sehr sehr dünnem Eis.
Auch wenn es viele in ihrer Sehnsucht nach den einfachen Wahrheiten, den andere ausschließenden Stilen nicht wahrhaben wollen: Wir leben im Zeitalter der Postmoderne. Das Verdienst postmodernen Denkens und ihrer architektonischen Hervorbringungen liegt nicht darin, possierliche architektonische Laubsägearbeiten mit mehr oder weniger ironisch verfremdeten historischen Zitaten anzufertigen - dieser aus den USA importierte postmoderne Eklektizismus war immer das Uninteressanteste daran (und das schnelle Altern der baulichen Ergebnisse der Berliner IBA beweist es!). Der bis heute wichtige politische Aspekt der Postmoderne ist dagegen die gesellschaftspolitische Dimension, die Akzeptanz des Verschiedenen in einer polyzentralen, demokratischen Gesellschaft: "Demokratie ist eine Organisationsform nicht so sehr für den Konsens als vielmehr für den Dissenz von Ansprüchen und Rechten. Sie ist genau auf die Situation gravierender Pluralität zugeschnitten. Eine einheitliche Gesellschaft wäre mit anderen Staatsformen besser bedient. Zur Demokratie hingegen gehört die Präsumption, dass in der Gesellschaft unterschiedliche, gleichermaßen legitime, im letzten jedoch unvereinbare Ansprüche bestehen. Deren Koexistenz kann nur demokratisch gelingen. Was in den Augen vieler an der Postmoderne prekär und beunruhigend ist, dass nämlich zwischen den heterogenen Ansprüchen keine rechtlich begründete Entscheidung mehr getroffen werden kann, dieses irritierende Moment eines radikalen Pluralismus ist in der Demokratie prinzipiell akzeptiert und institutionalisiert" so der Philosoph Wolfgang Welsch.
Bei der Bewertung von Architektur ergibt sich also das Problem, dass man nicht den einen oder den anderen Stil für grundsätzlich richtig oder falsch halten kann - das ist die Fiktion der "Hoch-Architekten". Werden aber unterschiedliche Stile als gleichwertig akzeptiert, heißt das dennoch nicht, dass alles möglich ist. Vielmehr gibt es in der Architektur die Frage nach der Qualität - siehe oben! - und damit den Zwang zur Selbstbegründung jedes einzelnen Gebäudes: Jedes für sich muss dem Betrachter mitteilen, warum der Architekt diesen oder jenen Stil gewählt hat und warum gerade der angemessen sei. Und es muss aus sich heraus begründen, wie es sich zu seiner Umgebung verhält: Darf - ein plattes Beispiel - das Bürohaus die Kirche überragen?
Angemessenheit. Qualität. Mit Antworten auf beide kann man als Architekturkritiker (und das schließt die Architekten selbstverständlich ein, die über ihre Kollegen urteilen!) ganz gut leben. Vor allem aber kann man - und das wäre dann ein Zeichen einer sich entwickelnden Baukultur - mit beiden argumentativ auf die Bedürfnisse der 97 Prozent "anderer Menschen" eingehen. Deren Bedürfnisse - auch ihre ästhetischen! - sind nämlich nicht nur berechtigt, sondern sogar denen der "Hoch-Architekten" gleichberechtigt. Die "anderen" sind auch nicht dumm und ohne Geschmack. (Der Begriff geschmacklos sollte im Zeichen postmodernen, demokratischen Denkens in seiner ganzen Überheblichkeit gestrichen werden: Eine selbsternannte Elite spricht den anderen grundsätzlich den Geschmack ab!). Die sind nur genervt bei Texten wie dem oben zitierten. Aber sie billigen auch den Architekten ein Recht auf Gartenzwerge zu. Nur wenn die Garten-zwerge der "Hoch-Architekten" aus Porzellan und handgearbeitet sind, wenn die Figuren über die mühselige Anstrengung des Schaufelns hinaus eine kritische freiraumpolitische Aussage treffen, nur dann haben ihre
Besitzer ein Recht, über die qualitativ schlechtere, völlig unpolitische Massenware aus Polen zu lachen.
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