Berufsmythen:

Ein illustrierter Lebenslauf
oder wie die Architekten im Comic aussehen

Beitrag zum  ÖGFA-Symposium STUDIO, 15. und 16. Mai 1998,
von Benedikt Loderer

über Berufsmythen reden wir heutemorgen, da bin ich gerade recht, denn ich bin selber einer. Gestatten Sie, mein Name ist Blauvogel, Blasius Blauvogel, Architekt selbstverständlich.

Meine Damen und Herren, werte Kolleginnen und Kollegen, die Veranstalter glauben, ich sei ein "exemplarischer" Fall. Ich dagegen würde dem ganz einfach "normal" sagen. Ich erzähle Ihnen den ganz gewöhnlichen Bildungsgang eines mittelmässigen Architekten, eines Berufsmannes, der ein Leben lang versucht hat, unbeschädigt durchzukommen.

Ich stamme aus bürgerlichen Verhältnissen wie die meisten anderen Architekten auch. Mein Vater, Alois Blauvogel, war ein mittlerer Beamter bei der Stadtverwaltung. Ich war wie meinesgleichen, machte Schulaufgaben und benahm mich wie es in der Adenauerzeit schicklich war. Wir wohnten in einem Hüsli und Vater wählte sozialdemokratisch, schliesslich war er bei der Stadt.

In unserer Nachbarschaft wurde viel gebaut und ich habe mit brennenden Augen den grossen Maschinen zugesehen. Vom Bauplatz ging etwas Starkes, Männliches aus. Bauen ist viril, das lernte ich früh. Es kann gut sein, dass damals mein erster Berufswunsch in mir keimte: Baggerfahrer. Ansonsten war alles in Ordnung. Die Schule war langweilig und das Familienleben gut organisiert. Mit 16 kam ich zum ersten Mal ins Ausland, nach Cattolica an die Adria. Dass ich studieren würde, war Familienprogramm, Vater war unterdessen ja auch Sektionschef geworden.
Auch das Gymnasium fesselte mich nicht. Ich verbrachte meine Freizeit auf Sehnsuchtsspaziergängen. Ich besuchte Orte, wo in einprägsamen Häusern meine Freundinnen wohnten. Leider wussten sie nicht, dass sie meine Freundinnen waren. Diese Einfamilienhäuser in der näheren Umgebung haben meinen Geschmack gestärkt. Ich lernte unterscheiden, lernte die feinen Unterschiede spüren. Ich machte meinen ersten Lehrgang in Prestigekunde. Eine Anschaffung fürs Leben. Schliesslich tat ich, wie sich meine Mutter ausdrückte, "den Knopf auf". Ich wurde selbstbewusster und schaffte eine akzeptable Matur. Ich fühlte mich ziemlich stark und sollte nun einen Beruf ergreifen.

Meine Wahl verlief über Ausschlusskriterien. Ingenieur lag nicht drin, meine mathematischen Fähigkeiten waren bescheiden, Arzt war zu anstrengend, in Sprachen war ich ungelenk, Naturwissenschaften fand ich zu schwierig, Jurisprudenz zu trocken, Theologie zu verquer, Philosophie zu weltfremd, es blieb nur eines: Architektur. Ich konnte brav zeichnen, war kulturell genügend imprägniert, hatte immer schon die Bauplätze bewundert, was blieb mir da anderes übrig? Architekt wird, wer nichts anderes kann. Architekt, das tönte im weiteren gut, eine Frauenzeitschrift hatte diesen Beruf gleich nach dem Arzt auf Rang 2 in der Beliebtheitsskala der jungen Frauen gesetzt. Ich immatrikulierte.

Die Hochschule war ein Schock. Nichts stimmte. Vor allem die Architekten nicht. Alles Lakaien des Kapitals. Das erste, was ich lernte, war: wir müssen ganz von vorn anfangen. Auf langen Stadtwanderungen versuchte ich mir über die Architektur und die Welt klar zu werden. Ich las, was alle lasen. MMM Marx Marcuse Mitscherlich, dann Jane Jacobs und Levi-Strauss. Ich habe wenig verstanden, doch mein Wortschatz erweiterte sich ins Soziologische.

Nach zwei Jahren hatte ich das erste Vordiplom geschafft und hatte den ersten Hauptsatz meiner eigenen Architekturtheorie entwickelt: im Kapitalismus ist das, was kommt, immer scheusslicher als das, was abgerissen wird. Mit meinen Mitstudenten hatte ich das hautnah erlebt. Die Häuser aus den Gründerjahren, in denen wir unsre WG hatten, waren immer schöner als die neuen Klötze, die uns verdrängten. Das mythische Hässliche hiess Bauindustrie. Architektur war irgendwie unhaltbar geworden. Eigentlich studierte ich nur aus Gewohnheit weiter.

Der zweite Hauptsatz war auch fertig: Im Kapitalismus herrscht der Klassenkampf. Meine Stellung in diesem Kampf war völlig klar, nur wusste ich nicht, wo sie war. Eines aber schien bewiesen: Bevor nicht die Verhältnisse umgestürzt sind, ist Architektur nicht zu machen. Das mythische Falsche hiess Kapitalismus.
Einer war vor allem schuld, der Schweizer Charles-Edouard Jeanneret. Ich wusste fast nichts von ihm, wusste aber, dass er schuld war. Das mythische Böse hiess Le Corbusier. Kein Wunder, dass ich fast abgestürzt wäre. Alles war sinn- und bodenlos. Sollte ich umsatteln und Tramführer werden?

Gerettet hat mich der Meister. Nano Glossi, er war Gastdozent und ich sein Jünger. Er erlöste mich, indem er sprach: Die Architektur ist die Architektur. L'architettura autonoma, punkt. Wir mussten wieder den Beruf lernen, il mestiere. Die Schreibmaschinen verstaubten und wir begannen noch einmal von vorn. Glossi scultore, Glossi pintore, Glossi filosofo, Glossi ordinatore. Glossi stellte uns vom Kopf auf die Füsse. Wir lasen Vitruv und studierten Palladio. Und wir lernten neue Begriffe: Ort, Typus, Analogie, Permanenz, Präsenz, Aura, Città. Das vor allem: Città. Und wir hatten endlich begriffen, warum Le Corbusier falsch lag und die Stalinallee richtig. Città war unser Zauberwort, auch Abwehrzauberwort. Glossi schrieb Werke und regierte die Schule durch die Macht seines Geistes. Jetzt erst wurde mir klar: der Architekt ist ein Intellektueller, ein Mann des Geistes. Er denkt schärfer als die andern, er hat den überblick, den Durchblick auch.

Ich begriff: Sie bist ungebildet. Durch Reisen stopfte ich meine Betrachtungslücken. Ich füllte meinen persönlichen Bildervorrat auf. Noch heute zehre ich davon. Daneben arbeitete ich zum ersten Mal richtig. Glossi forderte viel. Wir schufteten Tag und Nacht. Der Meister hatte uns gesagt: die Geschichte ist wichtig. Wir wurden alle geschichtsbewusst, ohne von der Geschichte viel zu wissen. Die Kunstgeschichtevorlesungen wurden zum Hochamt. Wir lernten akademisch beten. Wir wussten weniger genau, wofür wir waren, wogegen aber, das war uns klar. Nicht die Bauindustrie allein, nicht nur der Kapitalismus, auch Corbu nicht, nein die Kleinbürgerei, das war der Feind. Architektur ist etwas für die Klugen, Schönen und Grossen. Eines war klar: der Architekt ist das Schöpferwesen, der Kreative, der Einzige. Architektur ist ein sich selbst fortzeugendes System, das immer auf sich selbst verweist. Ich lebte in Klarheit und machte mein Diplom. Doch warum war ich anschliessend nicht glücklich? Warum freute ich mich nicht? Weil ich Angst hatte. Da draussen erwartete mich die Wirklichkeit.

Meine berufliche Karriere begann bei August A. Simon. Er war Wohnungsbauarchitekt mit guten Beziehungen. Er pflegte die Beziehungen und ich die Grundrisse. Wenigstens habe ich dabei das methodische Vorgehen gelernt. Simon war überzeugt: es gibt immer eine Lösung, die ins Budget passt. Er nannte das das pragmatische Vorgehen. Seither weiss ich: die Wurstigkeit heisst bei den Architekten Pragmatismus.
Dann wechselte ich zu Würg & Partner. Sie bauten für den Tourismus. Die Verflechtung mit den lokalen Behörden war eng und die bebaubaren Lawinenhänge verschwanden aus den Schutzplänen. Immerhin habe ich dort politisches Arbeiten gelernt. Seither weiss ich: die Gewaltentrennung hat einen langen Arm, denn sie funktioniert nur auf Distanz.

Die nächste Station war Oberholzer, William Oberholzer, Grossarchitekt. Ich brachte es zum überforderten Projektleiter. Wir bauten gross und geschwind. Oberholzer verliess sich auf seine Leute. Dabei lernte ich ökonomisch denken. Seither weiss ich, der Architekt verdient am meisten an dem Plan, den er nicht zeichnet.

Schliesslich noch Stachanov Incorporated. Da traf ich die einzige Frau in einer Kaderposition, die mir im Architektengewerbe über den Weg lief. Kein Wunder, habe ich sie schließlich geheiratet. Dabei lernte ich Beruf und Liebe trennen. Seither sind wir geschieden und sie hat eine Modeagentur.

Trotzdem geriet ich in eine berufliche Krise. Nicht des Geldes wegen oder aus Mangel an Anerkennung. Aber nichts befriedigte mich mehr. Das Verkaufen ödete mich an. Die Kundenwünsche brachten mich zum kalten Rasen. Ich betrieb ja nur noch Architektur des geringsten Widerstands. Ich redete mit gespaltener Zunge und zeichnete mit doppeltem Griffel. Zu welchem Ende studierte ich vaterländische Architektur?, musste ich mich fragen. Ein Schneider, ein Kellner, ein Coiffeur, ein Organisierer, Dirigierer, Delegierer, Ritualisierer, Definierer, Produzierer, Kontrollierer? Ich tauchte in eine schwarze Depression und machte mich selbständig.

Die Zeiten waren günstig Anfang der Achtzigerjahre. Ich schwamm fröhlich im Mainstream und baute anspruchsvolle Konfektion. Zwar hat auch mich die Postmoderne verwirrt, aber es war wie ein Rausch. Nichts stimmte, aber alles war in Ordnung. Nie wieder habe ich meinen Beruf mehr geliebt. Vielleicht ist es einfach: wenn man die Architekten bauen lässt, sind sie glücklich. Mehr wollen die nicht.

Doch die goldenen Zeiten nahmen 1992 ein Ende. Ich ging auf Tauchstation. Irgend einmal muss es ja wieder besser werden, oder? Ein Abbau war auch bei mir unvermeidlich. Wir haben eine viel zu grosse Bauwirtschaft, da müssen die Schwächeren den Markt verlassen. Und heute stehe ich da, ein erfolgreicher Architekt, aber doppelt alleine, meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen. Doppelt verlassen und allein. Ohne Aufträge und ohne Freude. Ich stehe in tiefer Einsamkeit über den Dingen, wissend, aber unglücklich. Wir Architekten werden längst nicht mehr geliebt. Nicht mehr an zweiter Stelle der Beliebtheitsskala. Ich, Blasius Blauvogel, der hier vor Ihnen steht, habe mich damit abgefunden. Und Sie?
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