Andere Baustelle

Artikel aus  DIE ZEIT, 36/2001
von Ulla Hanselmann

Architekturstudenten lernen das Falsche. In der Praxis ist nicht nur ein kühner Entwurf gefragt, sondern auch solides Handwerk

Jan Frühling hat Glück gehabt. Der 35-Jährige fand kurz nach seinem Diplom an der TU Berlin eine feste Stelle. In einem kleinen Berliner Architekturbüro arbeitet er seit knapp einem Jahr vor allem in der Ausführungsplanung: Er zeichnet für die Handwerker Konstruktionspläne, überlegt, wo Leitungen und Rohre verlaufen sollen oder welche Dämmstoffe infrage kommen.

Von einem festen Job können viele, die den Dipl.-Ing. in Architektur gemacht haben, nur träumen. Die Zahl der arbeitslosen Architekten hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Viele der rund 6500 Absolventen, die jährlich die Hochschulen verlassen, müssen sich als freie Mitarbeiter durchschlagen. Jan Frühling hat mit 22 Semestern fünf Jahre länger studiert als der Durchschnittsabsolvent. Eine lange Zeit, in der man viel lernen kann. "Doch das meiste von dem, was ich heute Tag für Tag im Büro mache", sagt der Jungarchitekt, "habe ich nicht an der Uni gelernt, sondern während der Jobs, die ich nebenher hatte. An der Uni dreht sich fast alles nur ums Entwerfen."

Reine Entwerfer sind aber auf dem Arbeitsmarkt wenig gefragt. Der Hamburger Architekt Meinhard von Gerkan führt mit Volkwin Marg und weiteren Partnern das größte deutsche Architekturbüro. Doch selbst bei der Architekturfabrik gmp sind nur etwa 40 der 270 Mitarbeiter damit beschäftigt, die Gestalt für Bürohäuser, Bahnhöfe und Flughäfen zu ersinnen.

Das Beispiel Jan Frühling könnte Meinhard von Gerkan denn auch als Beleg anführen für das Elend, das nach seiner Ansicht die Architektenausbildung in Deutschland kennzeichnet. "Es werden zu viele junge Leute mit zu hohem Anspruch ausgebildet, mehr, als die Gesellschaft braucht, und weit mehr, als überhaupt begabt sind", urteilt von Gerkan, der ordentlicher Professor für Entwerfen an der TU Braunschweig ist. Sein Fazit: "Die Hochschulen bringen zu viele mittelmäßige und schlecht ausgebildete Architekten hervor."

Tatsächlich gibt es unter den 72 deutschen Hochschulen mit einem Fachbereich Architektur keine so herausragenden Talentschmieden wie etwa die Architectural Association in London oder die Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich. Wer hierzulande den Ehrgeiz hat, sich als Architekt einen Namen zu machen, versucht, einen Ausbildungsplatz im Ausland zu ergattern. Eine fatale Situation, die sich laut von Gerkan auch in der schlechten Qualität von Bauten bemerkbar mache.

Im Gegensatz zu früher sei die Ausbildung heute partout darauf aus, aus jedem Studenten einen "Stararchitekten" zu machen, und konzentriere sich allzu sehr auf die Kunst des Entwerfens - die praktischen handwerklich-technischen Fähigkeiten, die ein guter Architekt ebenso vorweisen muss, würden auch an den einst praxisorientierten Fachhochschulen vernachlässigt, kritisiert der Professor. Dabei hätten längst nicht alle Studenten das Zeug zum guten Entwerfer. Durchs Diplom falle trotzdem keiner.

"Spezialisten fürs Ganze"

Architekten als künstlerische Genies in Schwarz, die mit kühnen Visionen die Welt bereichern - genährt wird dieser Mythos nicht zuletzt von Medien, denen Bauten gar nicht spektakulär genug sein können, um deren Architekten wie Popstars zu feiern. Wer redet da schon gern von Kostenschätzung und Konstruktionsdetails?

Spätestens im Büroalltag zerrinnt dieses Bild. Das Gros der Architekten entwirft keine Museen, - nicht einmal zum Einfamilienhaus am Stadtrand reicht es mehr. Diese einst klassische Bauaufgabe haben den Architekten längst Bauträger und Projektentwickler abgenommen. Das Problem ist letztlich hausgemacht: Gerade aufgrund der entwurfsfixierten Ausbildung haben die Architekten andere Aufgabenfelder wie beispielsweise Terminplanung oder Kostenkontrolle vernachlässigt. Projektsteuerer und Controller übernehmen heute das, was man dem gemeinen Architekten nicht mehr zutraut. Dazu kommt: Anstatt wie früher den Bauprozess vom Entwurf bis zur Schlüsselübergabe zu begleiten, spezialisieren sich Architekturbüros auf einzelne Leistungen wie zum Beispiel Bauausführung oder Management, um im umkämpften Markt überhaupt überleben zu können. Eine Entwicklung, die das traditionelle Berufsbild infrage stellt - galt doch die Architektur als "Mutter aller Künste" und der Architekt als Allrounder, der das Nützliche und das Schöne verbindet.

Wohin also soll es mit der reformbedürftigen Architektenausbildung gehen? In Richtung Spezialisierung, wie es der Markt erfordert, oder zurück zum fundierten Generalisten, der alle Facetten der komplexen Profession im Blick hat?

Meinhard von Gerkan plädiert vor allem für eine stärkere Profilierung der einzelnen Hochschulen, um das Mittelmaß zu überwinden. Entsprechend der Aufgabenteilung im Architekturbüro müssten die Ausbildungsgänge an den Universitäten und Fachhochschulen wieder eindeutige Schwerpunkte setzen: hier das Entwerfen, da die praktische Ausführung.

Und er wünscht sich etwas Neues: eine Bauakademie, die besonders begabte, künstlerisch orientierte Architekten ausbilden soll. Mit dem Ziel, "kluge Köpfe für das Ganze" hervorzubringen. Denn die Schar der am Bau beteiligten Spezialisten benötigte dringend "einen Dirigenten, einen Spezialisten fürs Ganze, der es versteht, eine Fülle von Problemen und Konflikten technischer, ökonomischer, denkmalpflegerischer, ökologischer und sonstiger Art in einen Entwurf umzusetzen".

Der Chef eines erfolgreichen Großbüros hat damit das Idealbild eines hoch professionellen, praxistauglichen Eliteabsolventen vor Augen. Über die Aufnahme in eine solche Hochbegabtenanstalt soll denn auch nicht die Abiturnote entscheiden, sondern eine Eignungsprüfung. Für mehr Auslese und Generalistentum spricht sich zwar auch der Architekt Max Bächer aus, der 30 Jahre lang als Professor für Entwurf und Raumgestaltung an der TH Darmstadt gelehrt hat. Einen berufsfertigen Architekten aber können und sollen die Hochschulen seiner Meinung nach gar nicht hervorbringen. "Den Beruf lernt man im Beruf, nicht an der Universität", sagt Bächer. Dabei sei die Rückkehr zu einer möglichst universell angelegten Ausbildung die beste Voraussetzung, um sich auf die sich wandelnden Anforderungen des Marktes einstellen zu können. Andere sehen hingegen in einer frühzeitigen Spezialisierung schon während des Studiums einen Ausweg aus der Ausbildungsmisere. Das passende Instrument: die Bachelor- und Master-Studiengänge, die derzeit an immer mehr Hochschulen eingeführt werden. Dabei qualifiziert der Bachelor-Abschluss nach einem sechssemestrigen Grundstudium zwar nicht für den Architektenberuf, ermöglicht aber den zügigen Einstieg in verwandte Berufsfelder wie zum Beispiel Projektsteuerung. Ein anschließender Master-Studiengang bietet dann Gelegenheit, sich in einer bestimmten Fachrichtung zu spezialisieren. Kritiker sehen darin allerdings die Gefahr, dass sich die Ausbildung zu sehr nach kurzfristigen Moden des Marktes ausrichtet.

Es braucht engagiertere Professoren

Spezialist, Generalist oder gar spezialisierter Generalist - so schwammig die Begriffe auch noch sein mögen: Wer könnte nun den für die Zukunft am besten gerüsteten Hochschulabsolventen abgeben? Die allein selig machende Lösung verbirgt sich wohl hinter keiner der drei Varianten. Das schadet aber nicht. Denn eine möglichst vielfältige Hochschullandschaft, zu der auch eine private oder halbprivate Bauakademie gehören könnte, wie von Gerkan sie fordert, ist wünschenswert, weil sie den Wettbewerb fördert.

Dabei müssten sich auch die Professoren, die zumeist ein eigenes Architekturbüro betreiben, mehr ins Zeug legen. "Es gibt etliche Professoren, die sonnen sich in ihrem Titel - und beschränken sich darauf, hin und wieder eine Vorlesung zu halten", sagt Bächer. Für von Gerkan ein Grund, an einer Bauakademie Professoren nicht auf Lebenszeit zu berufen und sie von ihrer "scheinheiligen Präsenzpflicht" zu befreien.

Tatsächlich leiten an den Unis meist Assistenten die Seminare. Die hätten den Studenten oft nicht viel voraus, sagt Jan Frühling. "Das ist eine sehr kuschelige Angelegenheit: Man versteht sich gut und kriegt eine gute Note." Egal also, wie eine Reform des Architekturstudiums aussehen könnte: Ohne mehr Engagement der Professoren und konsequente Leistungskontrollen wird keine auskommen.
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